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Erinnerungen
an früher, Gedanken zu gestern und heute
Geschichte zur Weihnachtszeit, Dezember 2000 Es ist eigentlich verwunderlich: obwohl ich 73 Jahre alt
bin, freue ich mich immer noch, wenn es zum ersten Mal schneit. Zugleich
erinnere ich mich an die kalten und schneereichen Winter meiner Jugendzeit in
Neuenbürg. Damals konnte ich den Winter kaum erwarten. Wenn unser Nachbar, der
Straßenwart Müller, der viel von Wind und Wetter verstand, verkündete: I
glaub, s kommt bald Schnee, d Krabbe schreiet so arg!, dann freute ich
mich sehr und rannte zu meinem Großvater, um ihm die frohe Botschaft zu verkünden.
Wir hängten die Vorfenster im Wohnzimmer ein, und ich schaute immer häufiger
und sehnsüchtiger zum Himmel auf. Und wenn dann endlich vom Mühlteich her
dicke Wolken aufz6gen und bald darauf die ersten Schneeflocken herabschwebten.
war ich glücklich. Ich richtete meine Holzskier her, stellte den Schlitten
bereit und polierte meine Schlittschuhe. Die älteren Menschen vermochten damals meine Begeisterung
nicht zu teilen, sie hatten großen Respekt vor dem Winter. besonders vor der Kälte,
Mein Großvater sagte beim ersten Schneefall: Ja, ja. s wird Wender!
Und die Großmutter setzte hinzu: Bald gibts Gronneis. Das Grundeis
bildete sich, wenn es sehr kalt war, an dem langen Seegras im Enzkanal, der an
unserem Haus vorbeifloss. Dorf hing es dann unter der Wasseroberfläche in bräunlichen
Klumpen und wurde von den Wellen hin und her bewegt. was ich von unserem
Wohnzimmerfenster aus gut beobachten konnte, Die Angst vor Schnee und Kälte war
durchaus verständlich. Die Häuser waren bei weitem nicht so gut isoliert wie
heute. Zu den Fenstern zog es herein, trotz der Vorfenster. Morgens glitzerten
dicke Eisblumen an den Scheiben. Holz, Kohlen und Briketts kosteten viel Geld.
Deshalb wurden nicht alle Räume in der Wohnung beheizt, sofern in ihnen überhaupt
ein Ofen stand. Um Brennmaterial zu sparen, hielten sich viele Familien in der
warmen Küche auf. Jedenfalls unter der Woche. Wenn man das Wasser nicht
rechtzeitig abgestellt hotte, fror es in den Leitungen ein, ein Malheur, das in
jener Zeit besonders gefürchtet war. Dazu muss man bedenken, dass viele ältere
Menschen unter Rheuma litten. Sie hattens im Kreuz oder konnten sich
nach dem Aufstehen vom Bett oder von einem Stuhl nur mühsam bewegen. So ist es
verständlich, dass sie während der Wintermonate den Frühling oder wenigstens
ein vorübergehendes Tauwetter herbeisehnten. Auch dafür gab es einen Wetterpropheten, der einen
Witterungswechsel zuverlässig voraussagen konnte, das war der
Milche-Krauth von Waldrennach. In dem Nachbarort konnten die Einwohner
morgens und abends am Rathaus Milch abliefern, die dann der besagte Herr Krauth
mit einem pferdebespannten Pritschenwagen am Vormittag nach Neuenbürg zur
Milchzentrale beförderte. Wenn dieser Fuhrmann sagte Bei eich da honne isch
dr roinschte Eiskeller, bei ons in Waldrennich drobe isch badwarm, dann
stellte sich tatsächich am nächsten Tag oder schon in der Nacht Tauwetter oder
der Frühling ein. Der Milche-Krauth spielte auch in der Neuenbürger
Stadtkapelle. Vor mir liegen zwei Fotografien, eine aus dem Jahr 1930. die
andere von 1951.Auf beiden ist er zu sehen. Von den 22 Männern auf dem älteren
Bild. das anlässlich des Abschieds des Dirigenten Herzog gemacht wurde, lebt
keiner mehr. Bei der Aufnahme aus dem Jahr 1951 fällt auf, wie abgemagert und
mitgenommen die meisten der 23 Musiker aussehen. Die Notzeiten des Krieges und
der Nachkriegszeit haben auf den Gesichtern deutliche Spuren hinterlassen. Wie
mein Großvater, so hielt auch Eugen Krauth der Stadtkapelle jahrzehntelang die
Treue. Es spielten noch zwei weiter Waldrennacher mit, der eine hieß Scheerer,
der andere ebenfalls Krauth. Zum Unterschied vom Milche-Krauth nannte ihn mein
Großvater den Glanedischte-Krauth (hinter diesem seltsamen Wort verbirgt sich
das Instrument. das er spielte, die Klarinette). Diese drei Waldrennacher
machten jede Woche den weiten Weg ins Schulhaus nach Neuenbürg
zur Probe. Spät abends mussten sie dann wieder -
bei jedem Wetter - die
steile Waldrennacher Steige hinaufsteigen. Um zum Winter zurückzukommen: ich kann mir nicht
vorstellen, dass es heute noch in der Enz Grundeis gibt. Die strengen Winter
meiner Jugendzeit, vor allem in den Kriegsjahren, sind der Klimaerwärmung zum
Opfer gefallen und haben viel von ihrer einstigen Kraft eingebüßt. In unseren
heutigen Wohnungen gibt es, von Ausnahmen abgesehen, auch keine Eisblumen mehr.
Wer Wintersport betreiben will, muss wegfahren. Wir haften einst die besten Möglichkeiten
zum Ski- und Schlitten fahren vor der Haustüre. Aber wo sollte man beim
heutigen Autoverkehr in Neuenbürg noch Schliffen fahren? Manches ist dennoch gleich geblieben. Es stimmt tatsächlich: wenn die Raben oder Krähen in Schwärmen aufgeregt umherfliegen und krächzen, dann kommt bald der erste Schnee; ich achte jedes Jahr darauf. Und wir, die wir inzwischen älter geworden sind, leiden, besonders im November und Dezember auch unter rheumatischen Beschwerden. Wir spüren, wie einst unsere Großeltern, unser Kreuz und die Gelenke. Die langen Abende und Nächte der Winterzeit sind
selbstverständlich auch gleich geblieben, aber sie spielen nicht mehr die Rolle
wie einst. Man kann sich ins Auto setzen
und wegfahren oder zu Hause vor dem Fernseher bleiben. Die Reisebüros
werben fleißig für Flüge oder Kreuzfahrten in mildere Gefilde. Solche Möglichkeiten
waren damals nicht einmal denkbar. Die älteren Menschen saßen zu Hause in der
Küche am warmen Herd, tranken ihren Malzkaffee und lasen die Zeitung oder die
Geschichten in den wenigen Büchern oder Kalendern, die sie schon längst
kannten. Das Vereinsleben bot etwas Abwechslung. aber das war fast ausschließlich
Männersache. Allerdings gab es nicht wenige ältere Männer, die während der
dunklen Jahreszeit mit ihren langen Abenden eine der zahlreichen Wirtschaften
aufsuchten. vermutlich nicht immer zur Freude ihrer Frauen und Kinder. Ich war
damals im Jungvolk. wie jeder meiner Altersgenossen. Regelmäßig mussten wir
zum Dienst. und in der Vorweihnachtszeit sammelten wir fleißig für das WHW. Für
die Jüngeren zur Erklärung: WHW lautete die Abkürzung für das
Winterhilfswerk, eine soziale Einrichtung, durch die ab 1933 bedürftige und ältere
Mitbürger unterstützt wurden. besonders in der Advents- und Weihnachtszeit.
Und so fand jedes Jahr Ende November oder Anfang Dezember eine große Haus- und
Straßensammlung statt, bei der alle Organisationen. auch wir vom Jungvolk. im
Einsatz waren. Meistens herrschte
um diese Zeit bereits winterliche Kälte. Wir unvernünftigen Pimpfe
gingen trotzdem - getreu dem Wahlspruch Gelobt sei, was hart macht - möglichst
noch in kurzen Hosen und waren stolz darauf, wenn die Erwachsenen das bemerkten
und den Kopf schüttelten. Zu mir sagte einmal jemand: Wart no, du
kriegsch emol Rheuma! Vielleicht wurde damals tatsächlich die Grundlage für
meine heutigen rheumatischen Beschwerden gelegt. Für das WHW war auch ein Losverkäufer namens Müller tätig.
Was in Waldrennach die Krauth. waren in Neuenbürg die Müller. Um sie
unterscheiden zu können, sprach man vom Bäcker-Müller, Soda-Müller,
Drucker-Müller und vielen anderen Beinamen. Der Los-Müller war ein
kleiner älterer Mann mit Bart. Bevor man ihn sah, hörte man seine laute
Stimme, mit der er seine Lose anpries. Im Zusammenhang mit dem Namen Müller fällt mir noch der
0. W. Müller ein. Er wohnte in der Happey und war ein Mann von ungewöhnlichen
Körpermaßen. Eines Tages sah ich ihn mit seiner Frau am Stadtbahnhof (Neuenbürg-Süd)
stehen. Der Schalter war noch geschlossen. Er hatte sich an die Wand gelehnt und
mit dem Ellbogen am Schalterbreff aufgestützt. Er maß wohl über zwei Meter,
und seine zierliche Frau schien neben ihm zu verschwinden. Staunend blickte ich
zu ihm auf. Er kam mir wie ein Riese vor. Alles an ihm war übergroß: seine
Arme und Beine und vor allem seine Füße, die in gewaltigen Schnürstiefeln
steckten, die fast bis zu den Knien reichten. Ich konnte nicht verstehen, warum
ihm in diesen großen Schuh die Zehen weh tun sollten; denn so deutete ich
seinen Namen Zeh-weh-Müller. Zu meiner Entschuldigung darf ich einfügen,
dass ich damals noch ein sehr kleines Knäblein war. Jahre später habe ich dann
begriffen, dass er kein Zeh-weh Müller war, sondern 0. W. Müller
hieß. In den Jahren im Jungvolk fanden in der Adventszeit
Heimatabende statt, in denen bald deutlich wurde, dass die Verantwortlichen des
Driften Reiches versuchten, aus dem christlichen Weihnachtsfest ein nordisches
Julfest zu machen. Das deutsche Volk sollte nicht mehr, wie seit vielen
Jahrhunderten an Weihnachten die Geburt des Weltheilandes feiern, sondern das
Ereignis der Wintersonnwende. So sangen wir bei den Heimatabenden in der Mühle
statt Stille Nacht Hohe
Nacht der klaren Sterne. Und wir lasen nicht die Weihnachtsgeschichte aus
der Bibel, sondern Geschichten von unseren heldenhaften germanischen
Vorfahren. Aber das christliche Weihnachtsfest mit Glockenläuten und
Gottesdienst, Adventskranz und Christbäumen war nicht zu verdrängen, es hat
sich behauptet, damals wie heute. Und wenn wir in diesem Jahr in den
Gottesdiensten oder zu Hause die alten Weihnachtslieder singen: Ich steh an
deiner Krippe hier oder 0 du fröhliche... und wenn diese vertrauten
Texte und Melodien uns anrühren, dann spüren wir etwas von der zeitlosen
Kraft, die von diesen schlichten, zu Herzen dringenden Liedern ausgeht. Sie
haben einst unseren Soldaten an der Front oder in Gefangenschaft und den
Heimatvertriebenen auf der Flucht Kraft zum Durchhalten gegeben. Dies gilt auch
für die Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2, die wir am Heiligen Abend hören
oder lesen werden: Es begab sich aber zu der Zeit .... Wenn heute schon im
November die Werbung für die
Weihnachtsgeschenke anläuft, dann ist es heilsam, wenn wir uns an die Jahre
erinnern, da an Weihnachten die Sorge um Angehörige und die Angst um das eigene
Leben unser Herz beschwerten, als es so gut wie nichts mehr zu kaufen gab, was
man hätte schenken können, und als die genannten Lieder und Texte den einzigen
Trost boten. Bald ist wieder Jahreswechsel und Gelegenheit, über uns
selbst und unsere Zeit nachzudenken. Wir leben im Computerzeitalter. Internet,
E-Mails. Faxgeräte und Handys bestimmen den Alltag. Wir können so viel, dass
sich leicht der Gedanke einschleicht. wir hätten alles im Griff. Aber dem ist
nicht so. Neulich wollte ich auf meiner Bank Geld abheben, eigentlich ein ganz
einfacher Vorgang. Aber die Computeranlage war ausgefallen und nichts ging mehr. Wir haben viel erreicht und sind erst recht abhängig
geworden. Abhängig sind wir aber auch noch in einem tieferen Sinn: Wie war es
denn vor einem Jahr, als am zweiten Weihnachtsfeiertag der Orkan
Lothar übers Land fegte? Die Meteorologen erklärten hinterher, er
sei aus dem Nichts gekommen . Vielleicht
wollte uns der Schöpfer zeigen, wie hilflos wir den entfesselten Naturgewalten
ausgeliefert sind. Gegen Unwetter, Stürme oder Hochwasser sind wir immer noch
machtlos und können hinterher nur aufräumen. Dazu kommen von Menschen gemachte Unfälle. Ich danke an
die schreckliche Katastrophe von Kaprun mit 155 Toten, die sich trotz modernster
Technik nicht verhindern ließ. Die Fachleute behaupten immer wieder bis heute:
dieser Zug konnte eigentlich gar nicht brennen. Und dann ging er doch in Flammen
auf. Das Unheil brach wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf fröhliche Menschen
herein. Wie schwer war und ist es, für die verzweifelten Angehörigen Worte des
Trostes zu finden, wie belastet waren und sind die Rettungsmannschaften. Wenn es um Leben und Tod geht, spüren wir die Ohnmacht
unserer modernen Computerwelt. Da sucht und braucht man die Hilfe Gottes und die
persönliche Teilnahme von Menschen. Wer älter geworden ist, wird dankbar auch
für das kleine Glück, dass man morgens aufstehen und seine Glieder bewegen
kann, wenn auch unter Schmerzen. Schauen wir nicht so sehr darauf, was wir nicht
mehr können, sondern mehr auf das, was uns noch möglich ist. Ich wünsche uns für das Neue Jahr, dass wir Gott
vertrauen und einander Gutes tun, solange wir noch auf dieser Erde leben. Karl
Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen
Jugenderinnerungen
an Neuenbürg
Während ich dies schreibe, sind die letzten Stunden des Jahres 1999
angebrochen. Es ist der 31. Dezember. Der letzte Tag des Jahres ist für mich
mit einer besonderen Erinnerung verbunden: am Abend des 31. Dezember 1944 musste
ich als 17 jähriger noch einmal von zu Hause fort, um als Soldat nach
Wilhelmshaven einzurücken. Auch damals
hatte es geschneit, so wie heute. Aber sonst war alles anders. In jener
Silvesternacht 1944 auf 1945 fuhr ich in die bodenlose Ungewissheit des Krieges
hinein. Heute, 55 Jahre später, sitze ich im warmen Zimmer, und blicke hinaus
in den Frieden unseres verschneiten Gartens. Es dämmert bereits, und die Kerzen
an einer unserer Fichten sind schon eingeschaltet. Sie werfen ein wunderbares,
leicht rosa angehauchtes Licht auf die
dick verschneiten Zweige. An manchen Stellen funkeln Eiskristalle. Nachher werde
ich mit meiner lieben Frau in den Jahresschlussgottesdienst gehen, um Gott für
das abgelaufene Jahr 1999 zu danken. Meine
Gedanken wandern zurück in die Zeit meiner Kindheit: auf meinem Schreibtisch
steht ein Kalender mit schönen Aufnahmen aus Neuenbürg und Umgebung. Meine
Schulkameraden haben ihn uns schon vor Jahren geschenkt. Das Dezemberbild liebe
ich
von allen am meisten.
Es wurde aufgenommen vom alten Friedhof her, und der Blick geht über das tief
verschneite Städtle. Das Bild strahlt einen tiefen Frieden aus. Die Kirche
steht in Mittelpunkt, das Rathaus mit seinen Türmchen hält sich bescheiden im
Hintergrund. Von einigen wenigen Häusern sieht man die Giebel, von allen
anderen nur die verschneiten Dächer. Kein einziger Mensch ist zu sehen, Dieses
Bild ist nahezu zeitlos, es könnte schon zu meiner Jugendzeit vor 60 und mehr
Jahren aufgenommen worden sein. Die Menschen, die damals das Leben im Städtle
bestimmten, sind längst gestorben, manche von ihnen wohl auch schon vergessen.
Der viele Schnee erinnert mich ans Schi- und Schlittenfahren. Wo gab es so
rasante Schlittenbahnen wie beim Auto-König oder auf der Waldrennacher Steige?
Kann man heute in Neuenbürg überhaupt noch irgendwo Schlitten fahren? Wir
mussten seiner Zeit zum Wintersport nicht irgendwohin fahren, wir hatten die
herrlichsten Möglichkeiten vor der Haustüre, und Schnee gab es in jenen Jahren
mehr als genug. In der
Bildmitte steht die Evangelische Stadtkirche. Sie war für mich in meiner
Jugendzeit und solange ich in Neuenbürg wohnte, ein Stück Heimat, mit der sich
für mich viele Erinnerungen verbinden. Hier besuchte ich den Kindergottesdienst
und durfte bei der Weihnachtsfeier auch ein Verslein aufsagen. Schwester Frieda
war die erste Kinderkirchhelferin, die mir biblische Geschichten erzählte. Der
Dekan hieß damals Megerlin. Er hielt bei der Beerdigung meiner Mutter die
Traueransprache. Ich war sieben Jahre alt, aber ich weiß noch den ersten Satz,
den er in der Leichenhalle auf dem Friedhof sprach: Selig sind die
Leidtragenden; denn sie sollen getröstet werden (Matth. 5, Vers 4). Das
Bild von der Kirche erinnert mich an meine Konfirmation durch Dekan Schwemmle im
Jahr 1942. Wie haben wir diesem gütigen Mann im Unterricht zugesetzt, dadurch
dass wir so viel Unsinn trieben und Krach machten, dass er
oft nur
noch mit Mühe zu Wort kam. Ich muss aber ausdrücklich betonen, dass die Mädchen,
alle Waldrennacher und auch einige von uns Neuenbürgern, sich nicht an den Störaktionen
beteiligten. Dekan Schwemmle hat das hinterher im Konfirmandenregister
schriftlich festgehalten. Wir Unruhestifter dachten in unserem jugendlichen
Unverstand nicht daran, welche Arbeitsbelastung auf diesem Mann lag, der immer
wieder auch in den umliegenden Gemeinden des Dekanatsamts einspringen musste,
weil die meisten Pfarrer als Soldaten im Krieg waren. Sehr belastend waren für
ihn auch die Trauergottesdienste für die Gefallenen und die damit verbundenen
seelsorgerlichen Besuche bei den oft
verzweifelten Angehörigen.
Unser Verhalten kann ich nur so erklären: in der Schule und im Jungvolk
und auch zu Hause ging es in der Regel streng zu. Dekan Schwemmle versuchte es
im Konfirmandenunterricht mit Liebe und Güte. Das haben wir ihm nicht gedankt,
sondern es ausgenützt und ihm das Leben schwer gemacht, obwohl wir ihn im
Grunde gern hatten. Heute tut es uns leid. Nach dem Krieg wurde bekannt, dass
Dekan Schwemmle von den Nationalsozialisten überwacht wurde und auf ihrer
schwarzen Liste stand. Persönlich hatte er und seine Familie ein schweres
Schicksal zu tragen. Der ältere Sohn Erhard ist im Krieg gefallen, der jüngere,
Werner. nach dem Krieg bei einer Ferienfahrt in der Biskaya ertrunken. Von der
Konfirmation selber weiß ich nicht mehr viel. Ich war froh, dass ich meine
Fragen gut auswendig gekonnt hatte und nicht stecken geblieben war. Zu Hause
ging es einfach zu. Heute feiern die meisten Konfirmanden in einem Gasthaus;
deshalb können die Konfirmationen auch nicht mehr im ganzen Land am gleichen
Sonntag gehalten werden. Meine Großeltern hatten sich sehr bemüht, trotz der
kriegsbedingten Rationierungen, ein gutes Essen auf den Tisch zu bringen. Meinen
Patenonkel habe ich an jenem Tag zum letzten Mal gesehen; er ist bald darauf
gefallen. Mit dem, was Konfirmanden heute geschenkt bekommen, konnten wir uns
nicht messen; fünf Mark galten als ein schönes Konfirmationsgeschenk. Nach
dem Gottesdienst versammelten wir uns zum Konfirmandenbild neben dem
Gemeindehaus. Diese Aufnahme wurde in jenen Jahren stets vom Fotografen
Stadelmann angefertigt. Er hatte es nicht leicht mit uns, sondern viel Mühe,
bis wir aufgestellt und zur Ruhe gebracht waren. Ich sehe ihn noch vor mir, wie
er immer wieder beschwörend die Hände hob und ausrief: Bitte, es muss ein
Andenken sein! Ich habe dieses Bild vor mir liegen. Wir stehen alle so brav,
als könnten wir kein Wässerlein trüben. Wir waren damals, 35, 20 Jungen und
25 Mädchen. Inzwischen sind elf bereits verstorben, der letzte war Herbert
Regelmann in Kanada. Nach
Kriegsende waren die Gottesdienste in der Evangelischen Stadtkirche überfüllt.
Dekan Schwemmle war nicht nur ein liebenswerter Mensch und bewährter
Seelsorger, sondern auch ein guter Prediger. Er ging dann als Dekan nach
Biberach, sein Nachfolger wurde 1947 Dekan Dr. Seifert. Für mich gab es noch
ein Nachspiel, als ich mich nach dem Abitur im Sommer 1947 entschlossen hatte,
Theologie zu studieren, um Pfarrer zu werden, brauchte ich ein Leumundszeugnis
meiner Heimatgemeinde. Dekan Seifert, der erst wenige Wochen zuvor sein Amt in
Neuenbürg angetreten hatte, sah sich außerstande, mir diese Bescheinigung zu
geben. Er kenne mich nicht und müsse deshalb seinem Vorgänger nach Biberach
schreiben. Der nur könne mir ein solches Zeugnis ausstellen. Mit Bangen wartete
ich auf die Antwort, aber wie hat mich Dekan Schwemmle beschämt. Als ich nach
14 Tagen wieder im Dekanatamt vorsprach. erklärte mir Dr. Seifert: mein Vorgänger
hat Ihnen das beste Zeugnis ausgestellt und Sie wärmstens empfohlen. In den
ersten Jahren nach dem Krieg gab es in Neuenbürg eine blühende kirchliche
Jugendarbeit. bei der sich Vikar und Pfarrverweser Adolf Kölle in besonderer
Weise engagierte. Unter seiner Regie übten wir das Laienspiel Markus ein. Aus
dem Jungmännerkreis wirkten dabei mit Eugen Bleiholder, Karl Holst, der
inzwischen verstorbene Paul Keck, und ich, aus dem Mädchenkreis Elsbeth Mauthe
und Hanne Kirn. Wir führten das Spiel in der Stadtkirche zwei Mal auf, jedes
Mal war die Kirche voll. Mit einem Lastwagen fuhren wir auch in andere
Gemeinden. Ich erinnere mich an Gräfenhausen, Birkenfeld und Grunbach/Salmbach.
Wo immer wir auftraten., waren die Kirchen überfüllt. In der Grunbacher Kirche
waren so viele Besucher anwesend, dass wir nur noch wenige Quadratmeter Spielfläche
am Altar zur Verfügung hatten. In jener Hungerzeit war es nicht unwichtig, dass
wir vor unserem Auftritt in Privathäuser verteilt wurden und ein gutes
Nachtessen bekamen. Ihm
Jahr 1951 ereignete sich in der Kirche ein Aufsehen erregender Vorfall, der sich
zum Glück in der Weise nicht mehr wiederholen kann. An einem Sonntag Abend vor
Ostern, vermutlich am Palmsonntag, fand das Konfirmandenabendmahl statt. Ich war
nicht in der Kirche, sondern machte mich um die gleiche Zeit von unserem Haus in
der Schlößlestraße auf ins Städtle. Auf der Vorstadtbrücke kamen mir dunkel
gekleidete Menschen entgegen. Einige weinten, andere stützten sich gegenseitig.
Da hörte ich auch schon jemand sagen: in der Kirch isch ebbes
passiert! Ich ging rasch weiter durch die Burgstraße. Schon von weitem hörte
ich aufgeregtes rufen, aber auch jammern und stöhnen. Als ich den Kirchplatz
erreicht hatte, bot sich mir ein gespenstisches Bild: die Türen standen weit
offen, und das Licht fiel aus der hell erleuchteten Kirche auf die Straße.
Hinter der Kirche saßen oder lagen Menschen. Ärzte, Sanitäter und
Feuerwehrleute rannten umher, um erste Hilfe zu leisten. Ich hörte eine Stimme:
da hat bestimmt jemand den Wein vergiftete! Aber das Unglück hatte eine
andere Ursache: in der Kirche standen damals noch zwei große gusseiserne
schwarze Öfen, die mit Holz und Kohlen, bzw. Koks geschürt wurden. In einem
oder beiden Öfen hatte sich Kohlenmonoxyd entwickelt. Dieses gefährliche
geruchlose Gas war während des Gottesdienstes ausgetreten und hatte sich
langsam aber stetig ausgebreitet, wie ein unsichtbarer See, der immer höher
stieg. Zuerst wurde es den
Konfirmanden schlecht, einige mussten sich erbrechen. andere sanken zu Boden.
Als auch die Erwachsenen erfasst wurden, musste der Gottesdienst abgebrochen
werden. Die Besucher verließen die Kirche, manche noch mit eigener Kraft,
andere wurden hinausgeführt oder hinausgetragen. Auf dem Kirchplatz herrschte
eine ungeheuere Aufregung. Viele Betroffene rangen verzweifelt nach Luft.
Offensichtlich verstärkten sich die Krankheitssymptome an der frischen Luft. So
weit mir bekannt ist, konnten schließlich alle so versorgt werden, dass sie
keine bleibenden Schäden davontrugen. Ich habe diesen Vorfall so
aufgeschrieben, wie er in meiner Erinnerung noch lebendig ist. Vielleicht wissen
diejenigen. die unmittelbar betroffen waren, noch besser Bescheid. Weil Dekan
Dr. Seifert, und vor allem Vikar Weichert, ebenfalls gesundheitlich angeschlagen
waren, habe ich damals in Neuenbürg und Waldrennach je einen Gottesdienst
gehalten, ich befand mich zu jener Zeit im fünften Semester meines Studiums. Mit der
Evangelischen Stadtkirche verbinden sich bei mir sonst nur erfreuliche
Erlebnisse. Hier habe ich als Helfer im Kindergottesdienst meine allerersten
Versuche unternommen, Kindern biblische Geschichten möglichst anschaulich zu
erzählen. Bald nach Kriegsende habe ich, zusammen mit meinem Freund Robert
Silbereisen, im Kirchenchor gesungen, zunächst unter der Leitung von Dekan
Schwemmle. Damals sang der Chor nach dem Jahresschlussgottesdienst draußen auf
dem Marktplatz. Die Schwärmer zischten uns um die Köpfe. Knallfrösche und
Kanonenschläge explodierten in nächster Nähe, so dass man in späteren Jahren
auf dieses an sich schöne und stimmungsvolle Singen vor der Kirche verzichten
musste. Als Herr Ackermann aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, übernahm
er wieder die Leitung des Kirchenchors. Besonders schön war es, wenn wir in der
Frühe des Ostermorgens auf dem alten Friedhof gesungen haben. Gerne denke ich
an diese Zeit zurück. Im Kirchenchor habe ich meine Frau kennen gelernt, am 07.
Mai 1953 wurden wir von Dekan Seifert in der Stadtkirche getraut. und im Jahr
1956 konnten meine Großeltern dort ihre Goldene Hochzeit feiern. Das schöne
Kalenderbild, das mich zu diesen Erinnerungen inspiriert hat, ist unweit von der
St.-Georgs-Kapelle aufgenommen worden. Sie war während meiner Jugendzeit in der
Regel verschlossen. Aber gerade deshalb erregte sie unsere Neugier. Das Fenster
an der Seitenwand war mit einem stabilen Gitter versperrt. Aber dieses
Schutzgitter hatte sich im Lauf der Jahre etwas gelockert, so dass wir es
vollends aufbiegen konnten. An dieser Stelle stiegen wir ein, rutschten den
Fensterhals hinunter und plumsten auf einen Kokshaufen. Das Kircheninnere lag in
einem geheimnisvollen Dämmer, so dass die Wandmalereien über den Kindermord
von Behtlehem nur schemenhaft zu erkennen waren. Ein modriger Geruch verstärkte
die gruselige Atmosphäre, über eine knarrende Holztreppe stiegen wir hinauf zu
einer Falltüre. Wir klappten sie hoch und sicherten sie sorgfältig mit dem
Riegel an der Wand; denn wenn diese stabile Brettertüre zugefallen wäre, hätten
wir uns selber eingesperrt. Auf dem Bühnenboden liefen wir zum Turm. Als
besondere Mutprobe galt es, die dort zum Teil frei über den Abgrund
verlaufenden Balken zu betreten. Lang hielten wir es im Kirchle nie aus.
Irgendwie erschien uns die Umgebung unheimlich. Wenn wir auf dem Rückweg die
Falltüre hinter uns geschlossen haften, ging es uns wieder besser. Allerdings
war es recht schwierig, über den glatten Fensterhals wieder an Tageslicht zu
kommen. Hinterher hatte ich stets ein wenig schlechtes Gewissen, denn eigentlich
haften wir etwas Verbotenes getan. Für
das bereits mehrfach erwähnte Bild mit dem Blick übers Städtle, gibt der Wald
einen schönen Rahmen. Vor und während meines Studiums habe ich als Holzmacher
gearbeitet, um mir das Geld für das Studium zu verdienen. Angefangen habe ich
mit einem Stundenlohn von 86 Pfennigen. am Ende verdiente ich 1,05 DM. Das waren
harte Monate, vor allem auch durch die mangelhafte Ernährung. Wenn wir zum
Vesper am Feuer saßen, habe ich manchmal nur trockenes Brot und eine Zwiebel
gehabt, an der ich wie an einem Apfel heruntergebissen habe. Das Rathaustürmchen
erinnert mich daran, dass wir Holzhauer (Conzelmann, Scheerer, Kirn und ich)
unseren Zahltag persönlich bei Stadtpfleger Klaiber abholten, Der Blick geht über
die Parzelle Mühlteich in Richtung Mißebene. Dort kannte ich in jenen Jahren
jeden Weg. Der Mühlteich galt als Wetterecke. Wenn meine Großmutter
sagte.,, bleib dahoim, em Mühlteich ischs scho beerschwarz. dann
kam in der Regel bald ein Gewitter. Die
Kirche spielt nicht mehr die Rolle wie in meiner Kindheit oder in den Jahren
unmittelbar nach dem Krieg. Das wird in diesen Tagen des Jahreswechsels
besonders deutlich. Wie viel Theater wurde um den Jahrtausendwechsel gemacht,
wie viel Unsinn geschrieben, wie viel Angst verbreitet: werden die Computer
versagen, wird das gesellschaftliche Leben zum Erliegen kommen ? Andere machten
Pläne, wie großartig sie Silvester feiern würden. Und dann kam alles ganz
anders: Am zweiten Weihnachtsfeiertag brauste der Orkan Lothar übers
Land. Er fegte heran aus dem Nichts wie die Meterologe
entschuldigend sagten. Da wurden uns die Grenzen aufgezeigt. Ich selbst war mit
meiner Frau im Auto zwischen umgestürzten Tannen eingeschlossen. Und mit einem
Schlag war alles andere unwichtig. Hoffentlich haben wir alle, vor allem die
Verantwortlichen in unserer Gesellschaft, etwas gelernt. Wir sind nicht die großen
Macher, die alles können. Eine Kleinigkeit, und wir sind hilfloser als ein
kleines Kind. Ich musste an Matthias Claudius denken, der schon vor rund 200
Jahren dichtete: wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünde und wissen
gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen
weiter von dem Ziel. Wir wollen bei dem Blick übers Städtle nicht nur zurückdenken. Was wird uns das Jahr 2000 bringen? Was will uns Angst machen? Mir will die Computerwissenschaft Angst machen. In 30 Jahren sollen die Computer so intelligent wie Menscher sein, und man wird Kleinstcomputer konstruieren, von der Größe einer menschlichen Zelle, um sie in unser Gehirn oder in ein anderes Organ einzupflanzen, um unser Leben zu verlängern oder unsere Fähigkeiten zu verbessern. Wird da menschliche Leben vollends zum Spielball wissenschaftliche Experimente? Wo bleibt der Mensch als Geschöpf Gottes. Angst
machen will mir die zunehmende Kriminalität, vor allen unter der Jugend. Wir
waren einst auch Lausbuben; ich denke, ich habe das nicht verschwiegen. Aber wir
wären nie auf den Gedanken gekommen. unsere Lehrer tätlich anzugreifer Was ist
das für eine Zeit, in der zwölf- bis vierzehn- Jährige sich vornehmen, Lehrer
und Mitschüler zu erschießen, um berühmt zu werden? Wenn man Gott über
sich nicht mehr anerkennt und seine Gebote missachtet, wie das heute üblich
geworden ist, vor allem auch in dem, was das Fernsehen zeigt, dann wird die
Hemmschwelle, die uns davor bewahrt, etwas
Böses zu tun, immer niedriger und fällt schließlich ganz weg. Noch einmal betrachte ich unser Konfirmandenbild. Im Jahr 1992 feierten wir miteinander das Fest der Goldenen Konfirmation. Nicht alle konnten dabei sein, aber die, die gekommen waren, erlebten einen sehr schönen Tag. Einige hatte sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Da gab es viel zu erzählen. Wir über 70-Jährigen spüren. wie die Kräfte und Fähigkeiten nachlassen und sich Gebrechen einstellen oder Krankheiten bemerkbar machen. Wir machen uns Gedanken, ob wir in unseren eigenen vier Wänden bleiben können, in vertrauter Umgebung, zusammen mit unseren Lieben, oder ob der Tag naht, wo wir in ein Altersheim oder gar Pflegeheim ziehe müssen. Solche
Gedanken wollen wir nicht verdrängen, aber sie sollen uns auch nicht zu Boden
drücken und jede Lebensfreude nehmen. Wir wollen uns dem Gott, dem wir alle so
viel zu danken haben, auch weiterhin anvertrauen. Die alte christliche
Botschaft, die wir schon als Kinder in der Neuenbürger Stadtkirche gehört
haben, kann unserem Leben immer noch Halt und Hoffnung geben,, Gottes
Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und seine
Treue ist groß (Klagel. Jer. 3, 22). Das gilt uns allen, Alten und Jungen,
und darauf können wir uns verlassen. Wir
wollen aber auch einander Mut zusprechen. Wie oft könnte ein einziges gutes
Wort, ein Telefongespräch. ein Brief oder ein Besuch einen niedergeschlagenen
Menschen auf die Füße stellen und ihm neuen Lebensmut geben. Karl
Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen
Erinnerungen an eine
Kindheit in Neuenbürg
Die meisten älteren Neuenbürger werden ähnlich einfach
aufgewachsen sein wie ich bei meinen Großeltern in der Schlößlestrasse. In
der Küche, in der wir uns in der Regel aufhielten, stand ein Herd und im
Wohnzimmer ein Ofen. Die übrigen Räume waren nicht heizbar. Von einer Öl-
oder Gasheizung wussten wir noch nichts. Frühmorgens musste zuerst die Asche
ausgeräumt und das Brennholz eingerichtet werden. Es gehörte zu meinen
Aufgaben, für das Kleinholz zu sorgen. Ich legte mir beizeiten einen
reichlichen Vorrat von Spechtele an. Die "Häb" (oder Hebe)
meines Großvaters, die ich dazu verwendete, hat die Jahrzehnte überdauert; ich
benütze sie heute noch für das Kleinholz in unserem Kachelofen. Fliessendes
Wasser gab es nur in der Küche. Während der Wintermonate wurde es abgestellt,
sonst wäre es in der Leitung eingefroren. Wir holten es dann eimerweise im
Keller. Auch das Abwasser aus der Küche mussten wir bei strengem Frost im Eimer
hinuntertragen und in den Enzkanal leeren, weil das Abwasserrohr aussen an der
Hauswand entlang lief. In den meisten Häusern gab es noch keine Wasserspülung.
Unser Plumpsklo, der Abort, lag in einem zur Winterszeit eiskalten kleinen
Kämmerle. Wie selbstverständlich ist für uns heute alle die Wasserspülung,
und wie viel gutes Trinkwasser wird dabei verbraucht. Damals stellte der Fuhrmann Dieter einmal im Jahr ein
leeres Güllenfass in den Hof, und dann kam der Rutschich und entleerte unsere
Grube. Er hiess mit seinem richtigen Namen Bürkle, wurde aber allgemein nur Rutschich
genannt. Er leerte nicht nur die Güllegruben, sondern war bei der Firma Ernst
Ochner als Gelegenheitsarbeiter, vor allem als Viehtreiber angestellt. Dieser
Beruf ist heute praktisch ausgestorben. aber damals wurde das Schlachtvieh noch
nicht mit Lastwagen oder Anhängern transportiert, sondern musste
getrieben werden. So sah ich ihn manchmal, wenn er, von Waldrennach
kommend, Rinder und Schweine ins Schlachthaus im Brunnenweg führte. Schweine zu
treiben ist nicht einfach; denn die Borstentiere ahnen, was ihnen bevorsteht und
ergreifen jede Gelegenheit zur Flucht, wobei sie nur sehr schwer wieder
einzufangen sind. Wenn er ein Schwein in unsere unmittelbare Nähe zum Metzger
Eberle/Aldinger brachte, konnte ich beobachten, dass er es mit einem Strick am
linken Hinterfuss angebunden hatte. In der freien Hand hielt er einen Prügel,
mit dem er dem Tier hin und wieder einen Schlag versetzte. Ab und zu schlief der
Rutschich auch auf dem Sägemehl im Stall der Metzgerei. Wir Kinder ärgerten diesen gutmütigen Mann so oft wir ihn
sahen. Heute tut mir das leid. Wir schrien ihm -
aus sicherer Entfernung - nicht
nur Rutschich nach, sondern auch den merkwürdigen Satz Alla battera
Borell ! Sein Bruder war der Fischer Bürkle. Ab und zu half er diesem
beim Abfischen der Enz. Bei dieser Tätigkeit soll auch sein Unnamen entstanden
sein. Als ihm eine bereits gefangene Forelle durch die Hände schlüpfte, soll
er entschuldigend erklärt haben: Rutschich! Noch weitere Aussprüche von
ihm waren seiner Zeit im Umlauf, so kann ich mich noch an den Satz erinnern:
Borell lad de laube, die versaubt sganz Jahr net. (Wenn man statt b
den Buchstaben f einfügt, wird der Ausspruch verständlich). Es ist sicher begreiflich, dass er uns auf der Latt
hafte. Wir gingen jeder direkten Begegnung mit ihm aus dem Weg. Aber einmal
passierte es doch: Ich wurde .ins Städtle geschickt, um im Lädle beim
Rauser Backsteinkäse zu holen, für meinen Großvater einen reifen, für den
Vater einen unreifen. Wie üblich legte ich den Weg im Laufschritt zurück. Beim
überqueren der Enz auf dem schmalen Steg am Turnplatz stand ich plötzlich dem
Rutschich gegenüber; ich hatte nicht aufgepasst und ihn nicht kommen sehen. Wie
gelähmt blieb ich stehen. Er war ein grosser Mann; in jenem Augenblick erschien
er mir mit seinem Schlapphut wie ein Riese. Ängstlich starrte
ich zu ihm hoch; wird er mich in die Enz schmeissen? Es ging glimpflich ab. Er
packte mich an meinen kurz geschorenen Stehhaaren und zog daran, aber nur ein
bisschen, dann ließ er mich los und gab den Weg frei, so dass ich mich an ihm
vorbeidrücken konnte. Mein Herz klopfte wie wild, Ich rannte so schnell ich
konnte zum Rauser und dann, im gleichen Tempo, wieder nach Hause, ohne daheim
etwas von meiner Begegnung zu erzählen. Verglichen mit damals, sind wir heute verwöhnt: das ganze
Haus ist im Winter warm. Die Heizung kann sogar programmiert werden, so dass wir
schon morgens beim Aufstehen ein warmes Badezimmer und heisses Wasser vorfinden.
Damals hatten wir kein Bad, auch keine Badewanne, nicht einmal ein
Handwaschbecken. Das Wasser lief über einen Wasserstein in der Küche.
Gebadet habe ich als Kind im Holzzuber, der auf zwei Hockern in der Küche
stand. Die Haushaltsgeräte. die wir heute so selbstverständlich benutzen,
waren bei uns unbekannt. Es gab weder einen Kühlschrank noch gar eine
Gefriertruhe, lediglich eine Speisekammer. Im Sommer und Herbst wurde gegessen,
was unsere Gärten hergaben. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir Salat, Gemüse
oder Obst im Laden gekauft hätten, Auch Dosennahrung war nahezu unbekannt.
Vieles wurde eingedünstet. Apfel und Birnen sorgfältig von den Bäumen
gebrochen, Zwetschgen gedörrt, Zwiebeln und Kartoffeln im Keller eingelagert.
Im besonders strengen ersten Kriegswinter 1939 auf 1940 sind uns die Kartoffeln
erfroren; ich kann mich noch gut an ihren unangenehm süsslich Geschmack
erinnern. Gegessen werden mussten sie trotzdem. Aber die Kartoffelschnitz
und Spätzle schmeckten mir nicht mehr. Zum Thema Kartoffeln fällt mir noch etwas ein, was heute
vermutlich eher kurios oder komisch empfunden wird: Zu Beginn des Krieges war
eine Kartoffelkäferhysterie ausgebrochen. Der etwa einen Zentimeter lange hübsche
Käfer ist gelb mit zehn schwarzen Längsstreifen auf den Flügeln und einem
schwarzen Kopf. Er galt damals als Volksschädling. der die Kartoffelernte
vernichten und uns an den Rand einer Katastrophe führen könnte. In den grossen
Kartoffelanbaugebieten wurden Schulklassen, Jungvolk und Jungmädel aufgeboten.
um die kleinen Käfer abzulesen. Ich selbst habe einmal in Maulbronn eine solche
Suchaktion mitgemacht, ohne dass wir -trotz
stundenlanger Suche - auch nur
einen einzigen Käfer gefunden hätten. Rundfunk und Tageszeitungen riefen zur
erhöhten Wachsamkeit auf, und auch in Neuenbürg waren Plakate mit dem Bild des
Schädlings aufgehängt. Wir hatten in unserem Garten am Hinteren Berg nur
wenige Quadratmeter Kartoffeln angepflanzt. Trotzdem musste ich ein Mal in der
Woche zu einem festgesetzten Zeitpunkt am Turnplatz erscheinen. Dort erwartete
mich und die anderen Kartoffelanbauer ein kleiner älterer Mann, dessen Name mir
entfallen ist (hiess er Henssler?) Er las die Namen vor, und wir mussten
hier rufen und erklären, ob wir etwas gefunden hätten, Ich habe unsere
wenigen Kartoffelstauden fleissig untersucht, ohne jemals einen Käfer zu
finden, wie übrigens alle anderen Anwesenden auch nicht. Damals wurde steif und
fest behauptet, die Engländer würden nachts nicht nur Bomben werfen, sondern
auch Kartoffelkäfer abregnen lassen, um unsere Volkswirtschaft zu ruinieren. Aber noch einmal zurück zu Essen und Trinken in meiner frühen
Jugendzeit: Da wo ich heute wohne, gibt es einen grossen Supermarkt. Wenn ich an
den überladenen Regalen entlang gehe, dann stelle ich fest, dass mindestens 80
Prozent der angebotenen Waren uns damals gänzlich unbekannt waren. Dieser Tage
werden dort Erdbeeren verkauft. Erdbeeren in der Adventszeit, muss das
eigentlich sein? Es gab allerdings einst auch kein Fernsehen, das uns hätte
vorgaukeln können, wie arm wir seien, und was wir alles anschaffen sollten, um
glücklich zu sein. Wir waren zufrieden, Es war auch nicht schwer, uns Kindern
am Geburtstag oder an Weihnachten eine Freude zu machen; wir waren nicht verwöhnt. An die Adventszeit erinnere ich mich besonders gerne zurück,
vor allem an die Tage, an denen meine Großmutter Brötle backte. Dann durchzog
ein köstlicher Duft das ganze Haus. Ich durfte mithelfen, den Teig rühren und
die Ausstecherle fabrizieren oder mit einem Löffel die Teighäufchen auf ein
Blech setzen. Wenn wir fertig waren, sagte die Großmutter: So, jetzt gesch
zom Bäcker-Mayer fam. Bass aber uff und schmeiss sBlech net weg. Ich habe
zum Glück nie etwas fallen lassen, obwohl im Hof und auf der Strasse gerade in
der Zeit vor Weihnachten häufig Schnee und Eis lagen. Der Bäcker Mayer hat die
ganzen Jahre hindurch unsere Brötle sorgfältig behandelt und nie etwas
verbrannt. So weit ich mich erinnern kann, hat er auch nie etwas dafür
verlangt. Da wir auch alle Kuchen zu ihm brachten, empfinde ich das heute als
einen sehr freundlichen Kundendienst. Wenn ich mit den wunderbar riechenden
Weihnachtsbrötle zurückkam, durfte ich von jeder Sorte eines probieren. Die
anderen wurden bis zum Heiligen Abend aufbewahrt. Im Städtle war es in der Adventszeit auch damals, anfangs
der Dreissiger Jahre, sehr schön. Der Christbaum stand nicht am heutigen Platz,
sondern vor der Bäckerei Malmsheimer. Da es noch nicht so viele bunte
Lichterketten gab, erstrahlten die Kerzen von der grossen Weisstanne umso
heller. Auch die Schaufenster waren erleuchtet. Da wo sich heute
die Volksbank befindet, stand einst das Geschäft des Einzel-und
Grosshandelskaufmanns Göckelmann) ich meine fast, er schrieb sich Göggelmann?).
Sein Schaufenster übte auf mich und meine Alterskameraden eine besondere
Anziehungskraft aus; denn dort fuhr eine elektrische Eisenbahn, Spur Null. So
etwas Wunderbares selber zu besitzen, war für mich in meiner Jugendzeit
unerreichbar. So stand ich häufig vor jenem Schaufenster und verfolgte den Lauf
des erleuchteten Zuges. Während ich dies schreibe, ist wieder Adventszeit. Meine
Kindertage liegen mehr als sechs Jahrzehnte zurück. Draussen fallen grosse
Schneeflocken. Das Wetter erinnert mich an damals. Aber sonst hat sich viel verändert:
Täglich bringt uns die Postbotin Prospekte ins Haus. Auch in der Tageszeitung
liegen mehrere bunte Beilagen. Und alle fordern sie zum Kaufen auf. Wie viel
Unruhe, Aufregungen und Hektik bereiten sich aus; manche Menschen scheinen von
einem wahren Kaufrausch erfasst. Einst waren die kurzen Tage und langen Nächte eine ruhige
Zeit. Wird es heute überhaupt noch richtig still ? Wenn ich bei Nacht ein
Fenster aufmache und hinaushorche, dann höre ich irgendwo ein Auto oder
Motorrad fahren oder ein Flugzeug brummen. Jeden Tag fahren durch unseren
Wohnort Oberjettingen zwanzigtausend Fahrzeuge; auch bei Nacht rollt der
Verkehr. Wenn man damals, nach Einbruch der Dunkelheit, das Haus verliess, war kaum ein Licht zu sehen und kein Laut zu hören. nur das Knirschen des Schnees unter den eigenen Füssen. Manchmal wünsche ich mir jene dunklen und lautlosen Nächte meiner Kindheit zurück, dazu die herrlich frische Winterluft und das Funkeln der Sterne, die in jenen Tagen noch in wunderbarer Klarheit herableuchteten. Die zahlreichen grellen und bunten Lichter unserer
hektischen Zeit drohen das Wesentliche des Weihnachtsgeschehens zu überlagern. Ich wünsche es Ihnen allen und mir, dass wir -
trotz allem - den stillen
Glanz erkennen, der von dem Kind in der Krippe ausgeht, und dass wir nachdenken,
was die Geburt des Heilandes für uns bedeutet. Karl
Baumann, Belchenstr, 3, 77737 Jettingen
Heimkehr
Am 11. August 1945
erhielt ich in Meldorf (Schleswig/Holstein) die Entlassungspapiere
aus
englischer Kriegsgefangenschaft.
Sie wurden mir
und
anderen ehemaligen deutschen Soldaten mit dem Hinweis ausgehändigt: Alle,
die aus der französischen Zone stammen und dorthin entlassen werden wollen,
bekommen noch einen Stempel in einem Durchgangslager. Ohne diesen Stempel sind
Eure Entlassungspapiere ungültig. Wir passierten
Itzehoe. Hier war ich sechs Wochen ausgebildet und für den Fronteinsatz
vorbereitet worden. Wie oft waren wir singend durch das hübsche Städtchen
marschiert, voraus unser säbelbeiniger Leutnant. Manch einer, der damals
mitgesungen hatte, war gefallen, sinnlos verheizt in den letzten drei Wochen
eines längst verlorenen Krieges. Aber noch sollte
mir ein aufregendes
Erlebnis bevorstehen: In der Nähe von Bad Kreuznach hielt unser Zug mitten in
der Nacht an. Wir schreckten hoch und
blickten hinaus. Im gleißenden
Scheinwerferlicht erkannten wir Wachtürme und Stacheldraht und Zelte. Wir
hielten unmittelbar neben dem berüchtigten Gefangenenlager Bad Kreuznach,
dessen schlechter Ruf uns
schon
in Norddeutschland bekannt geworden war Was sollten wir hier? Gab es hier den
Stempel für die französische Zone? Bewaffnete Posten
liefen am Zug entlang. Hinter dem Stacheldraht sahen wir Landser durch Dreck und
Morast stapfen, Pfützen spiegelten das Scheinwerferlicht wieder Ein Posten brüllte
zu uns hoch. Ein Mann aussteigen zum Verpflegungsempfang! Da ich vorne an
der Tür stand, stieg ich aus. Auch aus den anderen Waggons wurden Leute heraus
geholt. Der Posten zählte 25 Mann ab, dann öffnete er das Tor zum Lager Wir
stolperten und rutschten auf dem glitschigen Boden zu einer Baracke. Dort
bekamen wir Kommisbrote, die in den Wagen zu verteilen waren. Dann hieß es:
Raus, einsteigen! Wir wateten
zurück zum Tor. Plötzlich erkannte ich die Gefahr, die uns drohte: Die
Lagerinsassen drängten sich an uns heran: Mensch, Kumpel, komm, nimm mich
mit, schleuss mich ein, das hier ist ein Todeslager, wir verrecken wie die
Fliegen! Immer wieder versuchte einer, sich in unsere Reihe einzuschmuggeln.
Am Tor stand der Posten und zählte laut:
Twenty-ane, twentv-two... Mein
Herz klopfte wild, ich war der letzte in der Reihe. Würde ich rauskommen? Hatte
sich einer aus dem Lager in unsere Reihe eingeschlichen? Twenty-five! Ich
spürte den rettenden Schlag auf meiner Schulter, dann brüllte der Posten
Stop! Kaum war ich draußen,
wurde das Tor geschlossen. Flüche und Verwünschungen wurden uns nach gerufen.
Die Kumpel im Lager taten mir leid, trotzdem kletterte ich wie erlöst den
Bahndamm hinauf und stieg in
meinen
Waggon. Kaum war ich drin, ruckte der Zug an, und wir fuhren weiter in Richtung
Heimat. Erschöpft setzte ich mich auf meinen alten Tornister. Im Bahnhof Mannheim
hielt der Zug an Eine Stunde Pause, ihr könnt Euch die Füße vertreten!
Wir stiegen aus, ich schlenderte den Zug entlang bis zur Lokomotive. Als der
Lokführer herausschaute, sprach ich ihn an. He Kumpel, wo fährst Du mit uns
hin? Bald hatte ich die
Ruinen der Stadt hinter mir Die Kühle und die frische Waldluft des schattigen
Pionierweges nahmen mich auf Wie herrlich war es, nach der langen Fahrt im Güterwagen
und dem deprimierenden Gang durch die zerstörte Stadt, den weichen Waldboden
unter den Füßen zu spüren. Auf der rechten Seite rauschte die Enz, links, den
Hang hinauf standen Tannen und Fichten. Tief sog ich die würzige
Schwarzwaldluft ein; ich war daheim, auch wenn der Weg nach Hause noch vor mir
lag. Mich sollten sie
nicht kriegen, davon war ich überzeugt. Karl
Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen
Gedanken
und Erinnerungen zum Totensonntag
Im
November begehen wir den Volkstrauertag und den Tatensonntag. Wir gedenken
unserer Verstorbenen und machen uns bewusst, dass sie uns nur vorausgegangen
sind auf dem Weg, den wir alle einmal gehen müssen. In meiner frühesten
Kindheit in Neuenbürg geschah es hin und wieder, dass eine ältere Frau in
schwarzer Kleidung den Hof in der Schlösslestraße betrat und in einem der
angrenzenden Häuser verschwand. Nach wenigen Minuten erschien sie wieder und
ging in ein anderes Haus. Schließlich kam sie auch zu uns. Meine Großmutter
sagte: d Leichesägere kommt! Ich erschrak und fürchtete mich vor der
kleinen schwarz gekleideten Frau mit dem blassen, ernsten Gesicht, weil ich
glaubte, sie mache sich mit einer Säge an den Toten zu schaffen. Irgendwann
später erfuhr ich, was es für eine Bewandtnis mit dem Ausdruck Leichesägere
hatte: damals gab es viele arme Familien. Nicht alle konnten sich den Enztäler
leisten und auch nicht alle Hinterbliebenen eine Todesanzeige in die Zeitung
setzen lassen, deshalb brauchte man eine Leichenansagerin, die im Auftrag
der Angehörigen von Haus zu Haus ging, um den jeweiligen Todesfall und die Zeit
der Beerdigung mitzuteilen. Aus dem Wort Leichenansagerin war in Neuenbürg
das für mich so missverständliche Leichesägere geworden. Auch als ich
das begriffen hatte, habe ich die Scheu vor dieser Frau nie ganz verloren. Sie
erschien mir wohl als eine Botin des Todes, wie menschlich und persönlich das
doch damals noch war. Den
Gang zum Standesamt und Pfarramt und was sonst bei einem Todesfall noch zu
erledigen war, nahm die Familie selber vor. Die alten oder kranken Menschen
starben in der Regel zu Hause. Dort wurde der Leichnam im Sarg aufgebahrt bis
zum Tag der Beerdigung. Familienangehörige, Verwandte, Nachbarn und Freunde
konnten von dem Verstorbenen Abschied nehmen. Erst unmittelbar vor der
Beerdigung wurde der Sarg verschlossen, damals noch mit Nägeln. Die
schrecklichen dumpfen Hammerschläge dröhnten durchs ganze Haus. Dann setzte
sich der Leichenzug von der Wohnung aus auf den weiten Weg zum Friedhof in
Bewegung. Heute
geht alles anonymer. Zu Hause gibt es in vielen Wohnungen keine Möglichkeit
mehr, einen Leichnam aufzubahren. Die meisten Menschen sterben sowieso im
Krankenhaus oder Altersheim und kommen umgehend in die Leichenhalle. Die
Formalitäten erledigt ein Beerdigungsinstitut. Die Zeiten haben sich geändert.
Aber immer noch gilt das Wort aus dem Alten Testamten: Alles im Leben hat
seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit (Pred. 3). Am 11.
September, kurz nach 15 Uhr, klingelte bei uns das Telefon. Am Apparat war unser
18-jähriger Enkel: Macht schnell den Fernseher an, in New York passieren
schreckliche Dinge! Und er setzte hinzu: Das wird die Welt verändern!
Und dann sahen wir, wie so viele Menschen weltweit, was bereits geschehen war
und wie plötzlich ein zweites Flugzeug in den anderen Turm des World Trade
Center raste. Niemand hätte so etwas bis dahin für möglich gehalten. Was sind
das für Menschen, die so etwas tun und dabei selber draufgehen? Sogar im Namen
Allahs! Eigentlich unvorstellbar ! Der
Schock in Amerika saß tief und wirkt bis heute nach. In den beiden Weltkriegen
war keine einzige Bombe auf eine Stadt in den USA gefallen. Was mögen das für
Abschiede gewesen sein. wenn diese Ehemänner und Väter nach dem letzten Urlaub
wieder an die Front mussten, nach Russland. Wer kann sich noch das Hoffen und
Bangen zu Hause vorstellen ? Wie viele Gebete mögen zum Himmel aufgestiegen
sein ? Bis dann schließlich doch diese schreckliche Nachricht, gefallen
oder vermisst eintraf. Das war in Neuenbürg nicht anders, Wenn ich vor
dem Kriegerdenkmal auf der Seilerinsel stehe. dann versuche ich mir das Leid
vorzustellen, das mit jedem einzelnen Namen verbunden ist. Ich
gehe in meiner Erinnerung noch weiter zurück: am 01. September 1939, einem
wunderbar sonnigen Herbsttag, begann der Zweite Weltkrieg. Inzwischen
sind Jahrzehnte vergangen. Bis zum 11 . September
diesen Jahres haben wir uns nach so vielen Jahren des Friedens in Sicherheit
gewiegt. Aber nun ist der Krieg zurückgekommen, und zwar in einer bisher
unbekannten Form. Weltweit lauert das Böse. Viele unter uns, auch viele Kinder,
haben Angst, seit die Schreckensbilder von New York über die Bildschirme
geflimmert sind. Wie sollen wir damit umgehen ? Es hat
mich sehr beeindruckt, wie sich die Bevölkerung in USA unmittelbar nach dem
Schock an Gott wandte in Gottesdiensten und in ihren Gebeten. Sie taten es öffentlich,
ohne Hemmungen, bis hinauf zum Präsidenten und der gesamten Regierung. Es blieb
einem deutschen Zeitungsschreiber vorbehalten zu bemerken, diese öffentliche
Hinwendung zu Gott sei bei uns in Europa, speziell in Deutschland, doch eher
befremdlich. Stimmt das wirklich ? Wollen wir hier bei uns angesichts einer
solchen Katastrophe und der weiterhin bestehenden weltweiten Bedrohung ohne Gott
klar kommen ? Fast scheint es so. Allerdings gab es auch bei uns spontane ökumenische
Gottesdienste in den Kirchen und im Freien. Unvergesslich, wie die Spieler von
Schalke 04 und Borussia Dortmund vor dem Spiel im Parkstadion an der Mittellinie
einen Kreis bildeten, sich an den Händen fassten und der Toten gedachten. Die
Verantwortlichen der beiden Vereine hatten sich zuvor zu einem ökumenischen
Gottesdienst in der Kapelle beim Stadion zusammengefunden. Schöne Zeichen der
Teilnahme und auch der Besinnung. Aber wie wird es weitergehen ? Es gibt
nicht nur den weltweiten Terror, sondern auch eine seit Jahren wachsende
Kriminalität bei uns. An einem einfachen Vergleich lässt sich das
verdeutlichen: wenn in meiner Jugendzeit ein Mann im Wald Holz machte, konnte
seine Frau die acht - oder zwölfjährige
Tochter alleine losschicken, damit sie dem Vater etwas zu essen brachte.
Heutzutage wäre das unverantwortlich ! Vor
einigen Wochen trafen wir uns zu einer kleinen Familienfeier im Schwarzwald.
Unmittelbar neben dem Gasthaus, mitten im Ort, liegt ein schöner
Kinderspielplatz. Wir wagten es nicht, unsere siebenjährige Enkelin allein,
ohne Aufsicht durch einen Erwachsenen dort spielen zu lassen. Die Verbrechen,
gerade an Kindern, haben in erschreckender Weise zugenommen. Die
guten Jahre des Friedens haben dazu geführt, dass Gott bei vielen Menschen
vergessen wurde. Je mehr sich aber unsere Gesellschaft von ihren christlichen
Wurzeln entfernt, je weniger die Gebote Gottes beachtet und ernst genommen
werden, umso niedriger wird bei uns Menschen die Hemmschwelle, etwas Böses zu
tun. Eine Besserung der Verhältnisse wird es nur geben, wenn wir zu den
christlichen Grundlagen unserer abendländischen Kultur zurückkehren. Immer
wieder konnte man hören und lesen, durch die Ereignisse von New York und die
damit verbundene weltweite Bedrohung durch den Terrorismus, sei unsere Spaßgesellschaft
zu Ende gegangen. Wirklich ? Ist der Schock vom 11. September nicht bei vielen
schon wieder vergessen ? Genau zwei Monate später, am 11. November, wurde die
Faschingssaison eröffnet, genau so wie in jedem Jahr. als ob nichts geschehen wäre. Was können
wir tun? Auf die große Weltpolitik haben wir keine direkten Einfluss. Da können
wir nur beten, dass Gott die Herzen und den Verstand der führenden Politiker
erleuchtet, dass die planen und durchführen, was dem Frieden dient. In unserem
eigenen Lebenskreis, in der kleinen Welt, in der wir leben, können wir viel
tun, indem wir uns im Zusammenleben untereinander an den christlichen
Grundwerten orientieren. Oberstes Gebot bleibt die Nächstenliebe, wie sie Jesus
Christus gelehrt und vorgelebt hat. Gott hat uns als Menschen mit Verantwortung
füreinander geschaffen. Solange wir hier noch auf dieser Erde leben, sollen und
dürfen wir einander Gutes tun. Wenden
wir unsere Gedanken noch einmal dem Totensonntag zu: allen, die um einen lieben
Menschen trauern, gilt das Wort Jesu aus der Bergpredigt: Selig sind die
Leidtragenden; denn sie sollen getröstet werden (Matth. 5, Vers 4). Im Blick
auf unser eigenes Leben und Sterben wollen wir uns an das Wort aus Psalm 37
halten: Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wirds wohl
machen. Karl
Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen
Gedanken
und Erinnerungen zur Advents- und Weihnachtszeit.
Ist es Ihnen auch schon aufgefallen, dass es zwischen den Jahreszeiten keinen gleitenden Übergang mehr gibt ? Der schöne Sommer dieses Jahres ging am 28. August mit einem Temperatursturz von 18 Grad schlagartig zu Ende. Seit Jahren beobachte ich diese Entwicklung. Ob das auch mit der globalen Klimaveränderung zusammenhängt ? Jetzt, da ich dies schreibe, ist Ende November. Draußen schneit es bei völliger Windstille. Große Flocken schweben vom Himmel und legen sich auf Bäume und Sträucher, Dächer und Straßen. Fast in jedem Jahr gibt es diesen ersten Vorstoß des Winters im November. Früher blieb der Schnee meist liegen, aber in den vergangenen Jahren verschwand er so schnell wie er gekommen war und an Weihnachten herrschte nasskaltes, nebliges Schmuddelwetter. Über weiße Weihnachten würden sich ja nicht nur die Kinder freuen. Wie still es ist, wenn Schnee fällt und die Natur einhüllt. Bei uns ums Haus her hört man keinen Laut. Aber ich weiß, dass nur wenige hundert Meter entfernt, auf der B 28, die Autos mit Schnee und Eis kämpfen und die Räum- und Streudienste pausenlos im Einsatz sind. In meiner Jugendzeit in Neuenbürg wurde der erste Schnee von uns Kindern jubelnd begrüßt, von den Erwachsenen als selbstverständliche Begleiterscheinung des Winters gelassen hingenommen. Heutzutage gilt der Schnee in erster Linie als lästiges Übel, das so schnell wie möglich beseitigt werden muss. Den Unterschied zu damals kann man sich leicht klarmachen: versuchen Sie sich einmal vorzustellen, der hölzerne pferdebespannte Schneepflug des Fuhrmanns Schleeh müsste hier bei uns die B 28 räumen oder in Neuenbürg die Wildbader Straße. Heute bleibt an den Straßenrändern eine schmutzige graue Mischung aus Schneeresten, Salz, kleinen Steinchen und Dreck liegen. Damals blieb der Schnee den ganzen Winter über weiß, auch im Städtle. An vielen Stellen gab es eine Schleifetze, und wo immer es den Berg hinauf ging, wurde Schlitten gefahren. Der
Winter war einst eine ruhige Jahreszeit. In einem stimmungsvollen Gedicht von
Rainer Maria Rilke heißt es: wer
jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange
bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben. Das stimmt schon lange
nicht mehr. Den ganzen Winter hindurch werden Häuser gebaut. In meiner
Jugendzeit ruhten die tief verschneiten Baustellen. Zu dem von Rilke erwähnten
Lesen: meine Großeltern saßen an den langen Winterabenden in der warmen Küche,
um zu lesen, zum Beispiel Reich in Gott von Helene Hübner oder Das
graue Haus von Else Ury. Sie kannten den Inhalt schon längst, aber sie
erfreuten sich jedes Jahr aufs Neue daran. Wer liest heute noch ? Fernsehen ist
doch bequemer und bunter. Wer setzt sich noch hin und schreibt die vom Dichter
Rilke erwähnten langen Briefe ? Telefonieren geht ja viel schneller und
schon Kinder lernen frühzeitig, mit einem Handy umzugehen. Wie schön war es
einst, in der Advents- und Weihnachtszeit, nach Einbruch der Dämmerung durchs
Städtle zu gehen: auf dem Marktplatz erstrahlten die Kerzen einer schönen großen
Weihnachtstanne. Aus den Fenstern der Wohnungen fiel warmer Lampenschein auf die
Straße, und in den Schaufenstern lagen festlich geschmückte Auslagen. Zwei
dieser Schaufenster zogen uns Kinder besonders an: das eine bei Dreher-Weik mit
seinem für die damalige Zeit reichhaltigen Angebot an Spielsachen, das andere
im Kaufhaus Göckelmann, wo als Blickfang eine Eisenbahn ihre Runden drehte. War
es dann vollends Nacht geworden, funkelten die Sterne herab, ungetrübt durch
Abgase und sonstige Luftverschmutzung. Einen so herrlichen Sternenhimmel wird es
in unseren Breiten nie mehr geben. Ich sehne mich manchmal zurück in jene längst
vergangene Zeit, obwohl es Jahre eines einfachen Lebens waren, vielleicht gerade
deshalb. Die vorweihnachtliche Hektik, die bereits Mitte November einsetzt und
viele Menschen bis zur Erschöpfung antreibt, war damals unbekannt. Am 06. Dezember kam der Pelzmärte (von einem Nikolaus wussten wir noch nichts). Dieser gutmütige Waldschrat erschien mit großem Gepolter, manchmal schleifte er, wenn er die Treppe herauf kam, eine Kette rasselnd hinter sich her. Stets trug er einen großen Sack, der kleine Geschenke enthielt. Die Rute in seiner Hand war gleichsam das Zeichen seiner Würde und verhieß nichts Gutes. Manche Eltern drohten ihren Sprösslingen, wenn sie nicht folgen wollten: Wart na, i sags dem Pelzmärte, der steckt di in sein große Sack ! Aus heutiger Sicht war das pädagogisch nicht so gut, aber ich glaube, in manchen Fällen hat es doch geholfen. Ich
habe schöne Erinnerungen an Weihnachten. Einen Christbaum hatten wir jedes
Jahr. Das Hantieren mit Säge und Beil, um den Baum in den eisernen Fuß
einzupassen, das anschließende Schmücken mit den altvertrauten Glaskugeln, mit
Kerzen und Lametta nährte in mir die große Vorfreude auf den Heiligen Abend.
Meine Eisenbahn, Spur Null, die Lokomotive mit einem Uhrwerk zum Aufziehen,
durfte ich schon vorher aufbauen. Im Jahr 1937 lagen unter dem Baum ein Paar
einfache Holzschier, ohne Stahlkanten, aber mit Kabelzugbindung. Schistiefel
besaß ich keine. Deshalb nagelte mein Großvater kleine Lederstückchen an die
Absätze meiner Straßenschuhe, damit ich nicht ständig aus der Bindung
rutschte. Richtig gelernt habe ich das Schifahren seiner Zeit nicht. Wir fuhren
einfach wild drauflos, am liebsten auf der schnellen und ab und zu auch gefährlichen
Schlittenbahn beim Auto König, wo wir uns eine Schanze gebaut hatten. Mit
diesen Schiern war ich glücklich bis zu dem Tag im Winter 1941 auf 1942, als
ich sie bei der sogenannten Hermann-Göring-Spende freiwillig abliefern
musste. Als
Junge habe ich gerne und viel gelesen; deshalb freute ich mich an Weihnachten über
ein Buch, möglichst einen Band Karl May. Auch Kriegsspielzeug habe ich von der
Verwandtschaft bekommen, Soldaten und Schützengräben. Waffen und Uniformen
waren exakt nachgebildet, die Franzosen in roten Hosen und blauen Jacken, die
Deutschen in Feldgrau, die Engländer in khakifarbener Montur mit flachen
Stahlhelmen. Wenn ich dann eine Kampfszene, so wie ich sie mir damals
vorstellte, aufgebaut hatte, versäumte mein Vater nicht zu betonen, dass die
Engländer gegen die er im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, gute und sehr
tapfere Soldaten gewesen seien. Mein
aller erstes größeres Weihnachtsgeschenk besitze ich heute noch. Es ist
siebzig Jahre alt und steht auf unserem Speicher. Es handelt sich um einen
Schlitten, einen Davoser. Als er unter dem Christbaum stand, lebte meine
Mutter noch. Sie schrieb mit schwarzer Tusche meinen Namen auf die Unterseite.
Wie viele schöne Erlebnisse habe ich mit diesem Schlitten gehabt, vor allem auf
unserer Hausstrecke, beim Auto König. Diese steile und bei Vereisung
schwierige Bahn lag den ganzen Winter über im Schatten, und so konnten wir bis
ins Frühjahr hinein schlittenfahren. Später, als ich Schlittschuhe besaß,
zogen wir mehr zur Waldrennacher Steige. Das war die längste Strecke, und man
erreichte zu Dritt auf dem Schlitten eine hohe Geschwindigkeit. Ich saß vorne
und lenkte. Heute noch kann ich das Kribbeln im Bauch nachempfinden, wenn wir
vom Markstein aus herunterfuhren. Wo links der Wald aufhörte, erreichte man
bereits das volle Tempo. Jeder auf dem Schlitten wusste, dass die gefährlichste
Stelle, unten, bei der Röckschen Villa, noch vor uns lag. Dort bei den
sogenannten Donauwellen, standen auch immer Zuschauer, denn an diesem
zerfurchten und buckeligen Ende der Bahn ereigneten sich immer wieder schwere Stürze.
Auch mich und meine Mitfahrer hat es einige Male erwischt, aber es ging, Gott
sei Dank, stets ohne ernstliche Verletzungen ab. Auch der Schlitten überstand sämtliche
Unfälle ohne jeden Schaden. Und
dieser Schlitten hat die Zeiten überdauert. Unsere Kinder und Enkel sind mit
ihm gefahren. Seit einigen Jahren aber steht er auf dem Speicher. Es gibt
inzwischen bessere Schlitten, dafür aber kaum noch eine gute Schlittenbahn. So
eine optimale Strecke wie einst die Waldrennacher Steige wird man heute
vergeblich suchen. Neulich kam mir dieser alte Schlitten auf dem Speicher in die
Quere. Nachdenklich habe ich ihn betrachtet. Ich drehte ihn um. Die Kufen sind
verrostet, aber die Schrift, mit der ihn meine früh verstorbene Mutter
gezeichnet hatte, ist noch gut zu lesen Landjäger Baumann steht dort. Der
Beruf meines Vaters weckt in mir noch andere Erinnerungen: Landjäger, so
lautete damals die Berufsbezeichnung der Polizeibeamten. In Neuenbürg waren, außer
meinem Vater die Herren Appold, Rieger, Rieker und Seeger stationiert. Um die
beiden fast gleichnamigen Rieger und Rieker nicht zu verwechseln, sprachen die
Kollegen untereinander nur vom G und vom K. Das hörte sich dann so
an: Der K geht morgen auf Nachtstreife, und der G hat Bereitschaftsdienst.
Das Stationskommando lag neben dem großen Gebäude, ein liebenswürdiger älterer
Herr, der zu den durchweg weitaus jüngeren Landjägern ein väterliches Verhältnis
pflegte. Von ihm waren einige Aussprüche im Umlauf. An zwei kann ich mich
erinnern. Bei einem Einbruch habe er stets gefragt; Habbe se Leitere ghabt?
Bei der Suche nach einem flüchtigen Delinquenten soll er zu den umstehenden
Leuten gesagt haben Wenn se saget, wo er isch, no habbe mr ihn glei! Die
Aufgaben der damaligen Landjäger lassen sich mit der Dienst eines
Polizeibeamten von heute nicht mehr vergleichen. Alle Dienstgänge wurden zu Fuß
oder mit dem Fahrrad unternommen. Wenn mein Vater auf Nachtstreife musste
ging er abends allein durch den Wald über die Misseben nach Schwann oder
Dennach, kontrollierte die Gasthäuser und sah auch nach, ob alles friedlich und
in Ordnung war. Erst gegen Morgen kam er dann nach Hause. Die Landjäger haben
damals viel Sport getrieben. Rieker mit K war eine Sportskanone, er sprang beim
Weitsprung über sechs Meter weit. Auch mein Vater war ein sehr guter
Leichtathlet. Die Wettkämpfe fanden auf dem Turnplatz statt, die Kurzstreckenläufe
auf der Straße neben dem Turnplatz. Auch an Staffelläufe erinnere ich mich.
Leider weiß ich nicht mehr, gegen wen die Landjäger ihre Wettkämpfe
ausgetragen haben; vielleicht gibt es in Neuenbürg jemand, der sich hier noch
besser als ich erinnern kann. Mein
Vater erklärte bis zu seinem Tod in hohem Alter, die Zeit in Neuenbürg sei die
schönste seiner gesamten Dienstzeit gewesen. Mit großer Hochachtung sprach er
lebenslang von seinem Kommandanten Gröner. An Weihnachten richtete die Frau des
Kommandanten, seine geliebte Mina, einen Gabentisch. Und dann habe der
Kommandant seine Landjäger beschert. Nicht wie ein Vorgesetzter, sondern wie
ein Vater seine Kinder. Diese Männer
sind alle längst gestorben, auch mein Vater. Aber das Andenken an diese
korrekten und doch freundlichen Beamten steht nicht nur bei mir, sondern auch
bei anderen älteren Neuenbürger in Ehren. Kehren
wir zurück in die Gegenwart: es ist schwierig geworden, Kindern oder Enkeln
etwas zu schenken, über das sie sich freuen, weil sie in der Regel schon alles
haben. Es ist auch schwieriger geworden als früher, die Feiertage besinnlich zu
begehen, weil wir so viele Möglichkeiten der Ablenkung und Zerstreuung haben
und so wenig Zeit für uns selbst und für einander. Wie schön
und auch hilfreich wäre es, wenn wir an Weihnachten und am Jahreswechsel äußerlich
und innerlich zur Ruhe kommen könnten,
wenn wir Zeit fänden zu Einkehr und Besinnung auf das Wesentliche, die Geburt
des Heilandes Jesus Christus und die Botschaft des Friedens in einer friedlosen
Welt. Das wünsche ich Ihnen und mir, dass wir Zeit haben für uns selber und füreinander.
Zeit für gute Gespräche, für einen Brief, einen Besuch, für ein fröhliches
Zusammensein im Kreis der Familie oder mit Freunden. In
diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein
gutes Neues Jahr 2002 ! Karl
Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendzeit in Neuenbürg (Weihnachten 2002)Je älter ich werde, umso deutlicher treten die Erinnerungen an meine früheste Jugendzeit hervor. Deshalb fahre ich auch immer wieder einmal gerne nach Neuenbürg. Dort bin ich aufgewachsen, in der Schlösslestraße 19. Solange meine Großeltern noch lebten, besuchten wir sie mit unseren Kindern und kamen so auch immer wieder ins Städtle. Vor allem das Schlosswäldle hatte es ihnen angetan, und sie erinnern sich gerne daran, wie wir auf der Mauer der Ruine herumkletterten oder im Herbst Esskastanien suchten. Seit einigen Jahren sind nun auch schon unsere Enkel dabei. Im Unterschied zu früher, darf man jetzt die Hintere Schlosssteige hinauffahren und beim Schloss parken. Wenn wir vor dem Schloss stehen, zeige ich ihnen das Torhäuschen. Im obersten Raum, dem so genannten „Juhe“, saßen wir als Pimpfe des Jungvolks bei Heimnachmittagen. Ich erinnere mich vor allem an den herrlichen Blick von da oben übers Städtle. Das Schloss selber durften wir einst nicht betreten, nur den Schlosshof. Die bewohnbaren Räume waren alle belegt durch das Forstamt, den Forstmeister und den Leiter der Oberschule, Dr. Köpf. Durch ihn habe ich das Schloss während des Krieges ein oder zwei Mal betreten. Mit einigen Schulkameraden mussten wir Sandtüten füllen und auf den Speicher tragen. Was heute unverständlich erscheint, war damals Bürgerpflicht. In jedem Haus sollte auf den Speichern eine Anzahl solcher Sandtüten stehen, um eventuelle Brandbomben zu ersticken. Phosphor lässt sich nicht mit Wasser löschen. Das hatte uns Dr. Köpf im Unterricht eindrucksvoll demonstriert: er warf im Beisein der ganzen Klasse von der Brücke beim Schulhaus brennenden Phosphor ins Wasser. Dieser brannte auf dem Grund hell leuchtend weiter. Wie schön ist alles geworden ! Der Innenhof mit dem Eingangsbereich auf der Rückseite, das Museum, das Hotel. Meiner Frau und mir hat es besonders der Schlossgarten angetan. Wenn ich ihn betrete, zuckt in mir immer noch das Gefühl hoch: da darf ich doch nicht hinein. Denn zu meiner Jugendzeit war der Schlossgarten eine absolute Tabuzone. Die Schlossbewohner hatten dort Kartoffeln und Gemüse angebaut. Der einzige Zugang bei der Ruine war mit einem hohen Tor aus Zaunlatten verriegelt. Umso schöner und interessanter
fanden wir als Kinder die Ruine. Damals war der Keller noch nicht zugeschüttet.
Er wirkte geheimnisvoll und regte unsere Fantasie an: begann hier etwa der Gang,
der unter der Enz hindurch bis zur Waldenburg führte, wie die Sage erzählte? Wer immer mit mir das Schloss besucht, Familie, Freunde, Schulkameraden, Ruhestandskollegen, mit denen streife ich auch durchs Schlosswäldle. Auch hier hat sich einiges verändert: früher standen viel mehr Bäume, vor allem auf der Südseite. Die Wege sind breiter geworden, mancher alte Pfad verrammelt. Aber es ist immer noch schön. Neulich war unsere achtjährige Enkelin dabei. Begeistert rannte sie immer wieder voraus, um etwas Interessantes zu entdecken. Als ich das Kind so leichtfüßig hin und her springen sah, dachte ich wehmütig: so war es auch einmal bei mir. Heute geht‘s gemächlicher. Wir Alten sind froh und dankbar wenn wir solche Wege überhaupt noch begehen können. Anschließend fuhren wir ins Vorstädlle. Ich stellte das Auto unter den schönen alten Bäumen ab, wo früher der Fuhrmann Dieter seine Fuhrwerke stehen hatte. Von hier aus sind es nur wenige Schritte zur Flößerstraße. Wo sie beginnt, steht an der Ecke zum Kohlbergle ein großes altes Haus. In ihm ist meine Großmutter Luise Wahl vor 120 Jahren aufgewachsen. In dem steinernen Brunnen wurde in jener Zeit, als es noch keine Wasserleitungen gab, das Wasser für den täglichen Bedarf geholt. Die Kinder sprangen beim Spielen über den Brunnentrog. Dabei fiel meine Großmutter mitsamt den Kleidern einmal hinein, was ihr zu Hause großen Ärger einbrachte. Zu meiner Jugendzeit lief der Brunnen noch, heute ist er stillgelegt und im Sommer schön mit Blumen geschmückt. Wir gingen das Kohlbergle
hinauf, das eigentlich Oberer Sägerweg heißt. Im Winter war dieses schattige
Gässchen oft eine einzige Eisrassel, auf der wir Kinder in hohem Tempo und nicht
ungefährlicher Fahrt hinunterflitzten, bis weit in die Flößerstraße hinein. Auf
der rechten Seite lag der Laden von Mettlers, weiter oben auf der linken Seite
wohnte der Milchfuhrmann Wentsch. Gegenüber befand sich der Stall für sein
Pferd, das damals stadtbekannte “Wentschegäule“. Manchmal schaute es zum Fenster
seines Stalles heraus. Wir Kinder hatten großen Respekt vor ihm. Wenn Herr
Wentsch die Milch ausfuhr, erinnerte sich das ehemalige Traberpferd vermutlich
hin und wieder an seine sportliche Vergangenheit. Vor allem durch die
Turnstraße, an der ehemaligen Bügeleisenfabrik vorbei, kam es in hohem Tempo mit
hoch erhabenem Kopf angeprescht. Sobald wir den schnellen Takt seiner Hufe und
das Scheppern der Milchkannen hörten, brauchte nur noch einer zu schreien “s
Wentschegäule kommt!“ und schon suchten wir das Weite. Direkt unter unserem Garten standen die Garagen der Postfahrzeuge, später hatten hier die “Telegräfler“ ihr Lager. Auf dem Platz davor haben wir manchmal Fußball gespielt. Ein Stückchen weiter auf dem Weg lag links der Garten vom Auto-König. Das weiß ich deshalb noch so genau, weil am Zaun ein stattlicher Geißhirtlesbaum stand. Die Freude war groß, wenn man einige der köstlichen Früchte fand. Auf der rechten Seite, am Ende des Oberen Sägerwegs, befand sich der Garten der Familie Steinmetz. Ein wahres Schmuckstück. Was haben sich diese beiden älteren Leute Mühe gegeben, ihren Garten zu pflegen. Ich kannte das freundliche Ehepaar gut, das im Haus meines Schulkameraden Theo Held an der Waldrennacher Steige wohnte. Hier endet der Obere Sägerweg. Von rechts kommt die steile Steige vom Panoramaweg herunter. Hier standen damals drei mächtige alte Fichten, davor eine Ruhebank, die von älteren Leuten gern aufgesucht wurde. Dieser Platz hieß früher “beim Wiedofen“. Hier wurden einst im Winterhalbjahr die Wieden, kleine Fichten- oder Tannenstämmchen gebrannt und gedreht, mit denen dann die Flößer ihre Flöze zusammenbanden. Lang, lang ist‘s her. Jene Zeit ist für immer vorbei. Es gibt keine Flößer und keinen Wiedofen mehr. An der Stelle der Bäume stehen heute nüchterne Garagen. Ob es das Schimpfwort “Du Flozwied“ noch gibt? Wenn ich an diesem Platz stehe, dann denke ich an die rasanten Schlitten- und Schifahrten zurück, die uns dieser steile Weg vom Panoramaweg herunter bot. Wenn die Strecke sehr vereist war, konnte es geschehen, dass hin und wieder jemand die Kurve nicht bekam und am Zaun des Hühnergartens oder an Vischers Hauseck landete. Mit Erich Vischer verband mich eine gute Freundschaft. Er war zwei Jahre älter als ich. Als er in die zweite Klasse kam, wurde ich eingeschult und bekam sein Lesebuch. Ich besitze es heute noch. Vorne steht sein Name drin, er selbst ist schon seit Jahren tot. Wie sein Vater war auch Erich in allen handwerklichen Dingen sehr geschickt und ein großer Bastler. In Vischers Hof haben wir uns ein Häusle gebaut. das so dicht war dass es auch dem stärksten Regen standhielt. Aber es gibt auch eine unangenehme Erinnerung: die Familie Vischer hielt sich Hühner und einen stattlichen weißen Hahn mit knallrotem Kamm. Dieser aggressive Mistkratzer griff nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene an. Auf mich hatte er es besonders abgesehen. Fast täglich schickten mich meine Großeltern im Sommer und Herbst in den Garten am Hinteren Berg. Jedes Mal musste ich an Vischers Hühnerhof vorbei. Der Gockler schaffte es immer wieder, den hohen Zaun zu überfliegen. Wenn ich über die Brücke bei der Metzgerei Aldinger kam, sah ich ihn schon von weitem, und er mich auch. Ich hielt mich so weit wie möglich rechts beim Auto-König. Auf der anderen Seite stand er, unbeweglich und starrte zu mir her. Er hob langsam, wie in Zeitlupe, einen Fuß hoch und setzte ihn wieder hin. Sobald ich mich auf gleicher Höhe mit ihm befand, machte er einen langen Hals und plusterte sich auf, dass sein Kamm wackelte. Wenn ich vorsichtig, um ihn ja nicht zu reizen, nach rechts, Richtung Kohlbergle einbog und ihm den Rücken zukehrte, setzte er sich sofort in Bewegung hinter mir her. Ich rannte los, so schnell ich konnte. Ich war ein guter Läufer, aber er war schneller. Halb auf dem Boden, halb in der Luft fegte er, wild mit den Flügeln schlagend, hinter mir her und versuchte, mich in meine bloßen Waden zu hacken. Dabei schrie er, dass es mir durch Mark und Bein ging. Erst kurz vor unserem Gartentor ließ er von mir ab und rannte zurück. Unterwegs blieb er stehen und schaute nochmals in meine Richtung als wollte er sagen: “Wart‘ na Bürschle, Du kommsch au wieder z‘rück!“ Eines Tages trieb er es zu weit: bei der Bank am Wiedofen sprang er einem kleinen Kind, das dort spielte, blitzschnell von hinten auf den Rücken und hackte ihm beide Ohren blutig: ich war zufällig in der Nähe und habe es beobachtet. Er musste sterben. Herr Vischer nahm die Exekution auf einem Hackklotz mit dem Beil vor. Der stolze Hahn wehrte sich bis zuletzt. Er versetzte Herrn Vischer mehrere Schnabelhiebe, so dass er an beiden Unterarmen blutete. Als endlich der Kopf ob war rannte und flatterte das tote Tier noch einige Meter davon, bis es zu Boden fiel. Zurück zu unserem Spaziergang. Vom Platz des ehemaligen Wiedofens aus sieht man das Haus meiner Großeltern, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Kinder und Enkel wollten alles genau wissen. Aber nur das Obergeschoss ist noch so erhalten wie einst. Das Erdgeschoss musste einem Kühlhaus der Metzgerei Aldinger weichen, Auch der schöne Garten zwischen Haus und Kanal ist verschwunden. Zur Brücke, mit der die Schlösslestraße beginnt, ist es nicht weit. Als Kind bin ich oft auf dieser Brücke gestanden, wenn Dutzende von Schwalben über dem Kanal nach Mücken und anderen Insekten jagten. Ich bewunderte ihre Geschicklichkeit, wenn sie sich im letzten Moment über das massive Brückengeländer schwangen. Fünfzig Meter weiter ging es in den “Hof“ hinein. Um diesen Hof her standen einige Häuser in dem einen wohnten wir, in den anderen meine Spielkameraden. Am Hofeingang lag der “Konsum“, das ehemalige Gasthaus “Anker“. Im Treppenhaus war noch ein schönes Mosaik mit einem Anker zu sehen. Gegenüber vom Konsum, hinter dem Zaun der Bügeleisenfabrik, stand ein Wodelbirnbaum. Wadelbirnen? Gibt es diese Sorte heute noch? Es handelte sich um längliche Früchte mit kräftigen Farben, die eine Seite rot, die andere gelb. Wir waren scharf auf diese Birnen, obwohl man sie kaum essen konnte. Sie zogen einem den Mund zusammen und würgten beim Schlucken. Erst wenn sie von Edelfäule befallen waren, wir nannten es “teigig“, sollen sie genießbar gewesen sein. Aber so alt wurden sie bei uns nicht. Wir würgten sie hinunter, und wenn wir noch so worgsen mussten. Vor mir liegt eine Aufnahme aus dem Jahr 1935, sie ist vom Panoramaweg aus gemacht. Darauf ist dieser Baum deutlich zu sehen. Wenn ich dieses alte Bild betrachte, steigen viele Erinnerungen auf. Ich sehe hinter der Enzbrücke auf der linken Seite das Haus von Bäcker-Mayer mit Café genüber die Schreinerei Keck. Auch da ist am Zaun ein Baum zu sehen, ich glaube, es war eine Blaufichte. Hier bin ich oft mit Herbert Keck und anderen damaligen Freunden gestanden. Worüber wir gesprochen haben? Auch damals schon über Fußball, aber mehr über Autorennen: Mercedes und Auto-Union, Carraciola und Bernd Rosemeyer. Ich weiß nach, wie wir getrauert haben, als Bernd Rosemeyer, das Idol einer ganzen Generation, im Januar 1938 tödlich verunglückte. Damals gab es kleine Nachbildungen der Rennwagen. Es waren stabile, silbern glänzende Miniaturausgaben der großen Vorbilder mit kleinen Vollgummireifen. Auf der Schlösslestraße haben wir dann unsere “Rennen“ ausgetragen. Man drückte das kleine Fahrzeug mit dem Daumen fest auf den Boden und schnellte es dann nach vorne. Wir redeten auch viel über die Bücher von Karl May und kannten uns bestens aus in der Welt von Winnetou und Old Shatterhand, Karo ben Nemsi und Hadschi Halef Omar. Als der Krieg begonnen hatte, tauschten wir die neuesten Nachrichten aus dem Radio über unsere militärischen Erfolge aus, ohne zu ahnen, dass wir später auch noch in den Krieg ziehen mussten. Auf dem alten Foto sind sogar die Schranken des damaligen Bahnübergangs zu sehen. Sie erinnern mich an die Zeit, als ich nach Pforzheim in die Schule ging. Ich ließ es meist auf die letzte Sekunde ankommen. Das spielte sich dann so ab: ich schlang mein Frühstück hastig hinunter. Das Küchenfenster stand offen. Wenn der Zug auf der Rotenbach abläutete, war es höchste Zeit. Den letzten Bissen im Mund, die Schulmappe in der einen, den Kittel in der anderen Hand, rannte ich los. Die Großmutter rief mir noch nach: “Hoffentlich langt‘s no!‘ Der Schrankenwärter Bodamer schloss die Schranken, wenn der Zug über die Brücke beim Badhäusle donnerte. Er reagierte sehr ungnädig, wenn er die kleinen Schranken hochkurbeln musste. Er ließ mich zappeln und öffnete sie erst im letzten Augenblick, so dass ich gerade noch den Zug erwischte. Die Aufnahme zeigt auch das damalige Oberamt, das heutige Finanzamt. Landrat Lemp hatte mehrere Söhne, der jüngste, Walter war mein Schulkamerad. Oft war ich bei ihm zu Hause, denn er besaß wunderbare Spielsachen, die er zum Teil von seinen älteren Brüdern geerbt hatte. Bei schönem Wetter waren wir draußen. Aus der ganzen Umgebung kamen Gleichaltrige und wir spielten Fußball auf der Wiese vor dem Gebäude. Ich erinnere mich auch an ein seltsames Spiel, das sich die älteren Lemp-Söhne ausgedacht hatten. Es hieß “Eck um Eck um Viereck“. Es handelte sich um eine Art “Fangerles“ mit besonderen Regeln. Wir jagten einander in wildem Tempo um das “Viereck“ des Oberamtsgebäudes. Dieses Spiel war von lautem Geschrei begleitet. Auch wenn wir Fußball spielten, ging es sehr laut zu. Die Beamten müssen gute Nerven gehabt haben, denn ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass einer der Herren uns bat, nicht so viel Krach zu machen. Aber eines Tages wurden uns die Spiele verboten, vom Herrn Landrat persönlich. Als ich den Walter fragte: “warum eigentlich?“ antwortete er nur: „wege de Beamte“. Wie weit liegt das alles zurück! Wie viel ist seither geschehen! Wie hat sich die Welt verändert! Jetzt, da ich dies schreibe, ist es Ende November im Jahr 2002. Es regnet, wie so oft in diesem Monat. Es ist auch viel zu warm. Heute will es gar nicht richtig Tag werden. Um diese Jahreszeit habe ich einst sehnsüchtig auf den ersten Schnee gewartet, der in der Regel dann auch bald kam. Damals begann im November eine ruhige Zeit. Die Feld- und Gartenarbeit war getan. Es wurde auch kein Haus mehr gebaut. Wenn abends der Zug aus Pforzheim gekommen war, sah man die Arbeiter nach Hause gehen. Dann kehrte in unserer Wohngegend Ruhe ein. Heute scheint das Leben nach Einbruch der Dunkelheit erst richtig zu beginnen. Autos schieben sich durch die hell erleuchteten Strassen. Viele Menschen, alte und junge, sind unterwegs. Es wird ja auch so viel geboten. Einst gab es noch keine Diskotheken. Wir brauchten auch keine Fitnessstudios oder Wellnessangebote. Was wir brauchten und was uns Freude machte und außerdem noch gesund war, lag vor der Haustür: die einmalig schönen Möglichkeiten zum Schi- und Schlittenfahren. Niemand musste zum Wintersport wegfahren. Wenn wir Kinder dann, bei Beginn der Dämmerung (spätestens!) mit roten Backen und klammen Fingern nach Hause gingen, den Schlitten hinter uns herziehend, schimmerten durch die Fenster der Wohnungen freundliche Lichter. Zu Hause, in der warmen Küche oder Wohnstube, umfing mich wohlige Wärme. Es gab ein einfaches, wohlschmeckendes Vesper. Niemand hatte es eilig. Es lief auch kein Fernseher nebenher. Meist saßen wir lesend noch eine Zeit lang zusammen, bevor wir frühzeitig zu Bett gingen. Wenn man heute irgendwo Kinder Schi- oder Schlittenfahren sieht, bietet sich ein buntes Bild: auf dem Schnee leuchten rote, blaue und gelbe Anoraks. Wir waren seiner Zeit dunkel gekleidet und alle irgendwie ähnlich angezogen. Eine besondere Ausrüstung gab es nicht. Ich besaß für den Winter ein einziges Paar Schuhe. Mit denen stand ich auch auf den Schiern. Mein Großvater hatte kleine Lederstückchen an die Absätze genagelt, damit ich nicht dauernd aus der Kabelzugbindung rutschte. Die Bindungen lösten auch nicht von selber aus. Bei einem Sturz schlugen einem nicht selten die Bretter auf den Kopf oder man verdrehte sich die Knie. Die Schlittschuhe wurden mit ihren gezackten Backen mit Hilfe des “Triebeles“ an die gleichen Schuhe angeschraubt. Der vorweihnachtliche Rummel unserer Tage, der mit den bunten Prospekten, die uns ins Haus flattern, schon Ende Oktober beginnt, war damals gänzlich unbekannt. Aber ich glaube, dass wir dem Sinn von Weihnachten näher waren als heute, wo sich alles nur noch ums “Weihnachtsgeschäft“ dreht, das heißt doch ums Kaufen und Geld ausgeben. Je einfacher ein Mensch lebt, umso leichter findet er den Zugang zu den göttlichen Dingen. Das christliche Weihnachten hat sich auch in den Jahren des III. Reiches behauptet, als es durch das germanische Julfest ersetzt werden sollte. Wir lernten damals im Jungvolk das Lied “Hohe Nacht der klaren Sterne“, aber es konnte die vertrauten alten Weisen “Stille Nacht“ und “0 du fröhliche“ nicht verdrängen. Wir haben auch immer noch die Gottesdienste und die Weihnachtsfeier der Kinderkirche besucht. Und wie ist es heute? Vieles hat sich verändert. Es ist schwieriger geworden, in unserer hektischen Welt Zeit und Stille zu finden für die frohe Botschaft von Weihnachten. Aber es ist immer noch möglich. Man muss nur wollen. Ich möchte Sie ermuntern, in der Advents- und Weihnachtszeit die Gottesdienste zu besuchen. Lesen Sie auch wieder einmal in Ihrer Bibel das Weihnachtsevangelium Lukas 2, 1-14. Singen Sie oder hören Sie die schönen Advents- und Weihnachtslieder und verlassen Sie sich auf das, was Ihnen Gott in Jesus Christus anbietet: Lebenshilfe in vielfältiger Form. Wir wollen auch versuchen, mehr Zeit füreinander zu haben. Bedenken Sie: ein gutes Wort, das von Herzen kommt, kann einen niedergeschlagenen Menschen wieder auf die Beine stellen. Vielleicht lebt jemand in Ihrer allernächsten Nähe, der Ihr Verständnis und Ihren Zuspruch braucht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest. Karl Baumann, Pfarrer i.R., Belchenstraße 3, Jettingen
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