Logo Silva Negra

Ferienwohnung HärterBlumeWinter im SchwarzwaldSturm LotharWinter im Schwarzwald
Home Feedback Inhalt Suchen Links

Karl Baumann
  Home
Nach oben
  Impressum
 
   
   
 
  Kinder- Wolkenmobiles mit Namen etc.


Geschichten von Karl Baumann

bullet Erinnerungen an früher, Gedanken zu gestern und heute
bulletJugenderinnerungen an Neuenbürg
bulletErinnerungen an eine Kindheit in Neuenbürg
bulletHeimkehr
bullet Gedanken und Erinnerungen zum Totensonntag
bullet Gedanken und Erinnerungen zur Advents- und Weihnachtszeit
bullet Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendzeit in Neuenbürg

horizontal rule

Erinnerungen an früher, Gedanken zu gestern und heute

Geschichte zur Weihnachtszeit, Dezember 2000.

Es ist eigentlich verwunderlich: obwohl ich 73 Jahre alt bin, freue ich mich immer noch, wenn es zum ersten Mal schneit. Zugleich erinnere ich mich an die kalten und schneereichen Winter meiner Jugendzeit in Neuenbürg. Damals konnte ich den Winter kaum erwarten. Wenn unser Nachbar, der Straßenwart Müller, der viel von Wind und Wetter verstand, verkündete: “I glaub, ‚s kommt bald Schnee, d‘ Krabbe schreiet so arg!“, dann freute ich mich sehr und rannte zu meinem Großvater, um ihm die frohe Botschaft zu verkünden. Wir hängten die Vorfenster im Wohnzimmer ein, und ich schaute immer häufiger und sehnsüchtiger zum Himmel auf. Und wenn dann endlich vom Mühlteich her dicke Wolken aufz6gen und bald darauf die ersten Schneeflocken herabschwebten. war ich glücklich. Ich richtete meine Holzskier her, stellte den Schlitten bereit und polierte meine Schlittschuhe.

Die älteren Menschen vermochten damals meine Begeisterung nicht zu teilen, sie hatten großen Respekt vor dem Winter. besonders vor der Kälte, Mein Großvater sagte beim ersten Schneefall: “Ja, ja. ‚s wird Wender!“ Und die Großmutter setzte hinzu: “Bald gibt‘s Gronneis“. Das Grundeis bildete sich, wenn es sehr kalt war, an dem langen Seegras im Enzkanal, der an unserem Haus vorbeifloss. Dorf hing es dann unter der Wasseroberfläche in bräunlichen Klumpen und wurde von den Wellen hin und her bewegt. was ich von unserem Wohnzimmerfenster aus gut beobachten konnte, Die Angst vor Schnee und Kälte war durchaus verständlich.

Die Häuser waren bei weitem nicht so gut isoliert wie heute. Zu den Fenstern zog es herein, trotz der Vorfenster. Morgens glitzerten dicke Eisblumen an den Scheiben. Holz, Kohlen und Briketts kosteten viel Geld. Deshalb wurden nicht alle Räume in der Wohnung beheizt, sofern in ihnen überhaupt ein Ofen stand. Um Brennmaterial zu sparen, hielten sich viele Familien in der warmen Küche auf. Jedenfalls unter der Woche. Wenn man das Wasser nicht rechtzeitig abgestellt hotte, fror es in den Leitungen ein, ein Malheur, das in jener Zeit besonders gefürchtet war. Dazu muss man bedenken, dass viele ältere Menschen unter Rheuma litten. Sie hatten‘s “im Kreuz“ oder konnten sich nach dem Aufstehen vom Bett oder von einem Stuhl nur mühsam bewegen. So ist es verständlich, dass sie während der Wintermonate den Frühling oder wenigstens ein vorübergehendes Tauwetter herbeisehnten.

Auch dafür gab es einen Wetterpropheten, der einen Witterungswechsel zuverlässig voraussagen konnte, das war der “Milche-Krauth“ von Waldrennach. In dem Nachbarort konnten die Einwohner morgens und abends am Rathaus Milch abliefern, die dann der besagte Herr Krauth mit einem pferdebespannten Pritschenwagen am Vormittag nach Neuenbürg zur Milchzentrale beförderte. Wenn dieser Fuhrmann sagte “Bei eich da honne isch d‘r roinschte Eiskeller, bei ons in Waldrennich drobe isch badwarm“, dann stellte sich tatsächich am nächsten Tag oder schon in der Nacht Tauwetter oder der Frühling ein. Der Milche-Krauth spielte auch in der Neuenbürger Stadtkapelle. Vor mir liegen zwei Fotografien, eine aus dem Jahr 1930. die andere von 1951.Auf beiden ist er zu sehen. Von den 22 Männern auf dem älteren Bild. das anlässlich des Abschieds des Dirigenten Herzog gemacht wurde, lebt keiner mehr. Bei der Aufnahme aus dem Jahr 1951 fällt auf, wie abgemagert und mitgenommen die meisten der 23 Musiker aussehen. Die Notzeiten des Krieges und der Nachkriegszeit haben auf den Gesichtern deutliche Spuren hinterlassen. Wie mein Großvater, so hielt auch Eugen Krauth der Stadtkapelle jahrzehntelang die Treue. Es spielten noch zwei weiter Waldrennacher mit, der eine hieß Scheerer, der andere ebenfalls Krauth. Zum Unterschied vom Milche-Krauth nannte ihn mein Großvater den Glanedischte-Krauth (hinter diesem seltsamen Wort verbirgt sich das Instrument. das er spielte, die Klarinette). Diese drei Waldrennacher machten jede Woche den weiten Weg ins Schulhaus nach Neuenbürg  zur Probe. Spät abends mussten sie dann wieder - bei jedem Wetter - die steile Waldrennacher Steige hinaufsteigen.

Um zum Winter zurückzukommen: ich kann mir nicht vorstellen, dass es heute noch in der Enz Grundeis gibt. Die strengen Winter meiner Jugendzeit, vor allem in den Kriegsjahren, sind der Klimaerwärmung zum Opfer gefallen und haben viel von ihrer einstigen Kraft eingebüßt. In unseren heutigen Wohnungen gibt es, von Ausnahmen abgesehen, auch keine Eisblumen mehr. Wer Wintersport betreiben will, muss wegfahren. Wir haften einst die besten Möglichkeiten zum Ski- und Schlitten fahren vor der Haustüre. Aber wo sollte man beim heutigen Autoverkehr in Neuenbürg noch Schliffen fahren?

Manches ist dennoch gleich geblieben. Es stimmt tatsächlich: wenn die Raben oder Krähen in Schwärmen aufgeregt umherfliegen und krächzen, dann kommt bald der erste Schnee; ich achte jedes Jahr darauf. Und wir, die wir inzwischen älter geworden sind, leiden, besonders im November und Dezember auch unter rheumatischen Beschwerden. Wir spüren, wie einst unsere Großeltern, unser Kreuz und die Gelenke.

Die langen Abende und Nächte der Winterzeit sind selbstverständlich auch gleich geblieben, aber sie spielen nicht mehr die Rolle wie einst. Man kann sich ins Auto setzen und wegfahren oder zu Hause vor dem Fernseher bleiben. Die Reisebüros werben fleißig für Flüge oder Kreuzfahrten in mildere Gefilde. Solche Möglichkeiten waren damals nicht einmal denkbar. Die älteren Menschen saßen zu Hause in der Küche am warmen Herd, tranken ihren Malzkaffee und lasen die Zeitung oder die Geschichten in den wenigen Büchern oder Kalendern, die sie schon längst kannten. Das Vereinsleben bot etwas Abwechslung. aber das war fast ausschließlich Männersache. Allerdings gab es nicht wenige ältere Männer, die während der dunklen Jahreszeit mit ihren langen Abenden eine der zahlreichen Wirtschaften aufsuchten. vermutlich nicht immer zur Freude ihrer Frauen und Kinder. Ich war damals im Jungvolk. wie jeder meiner Altersgenossen. Regelmäßig mussten wir zum Dienst. und in der Vorweihnachtszeit sammelten wir fleißig für das WHW. Für die Jüngeren zur Erklärung: WHW lautete die Abkürzung für das Winterhilfswerk, eine soziale Einrichtung, durch die ab 1933 bedürftige und ältere Mitbürger unterstützt wurden. besonders in der Advents- und Weihnachtszeit. Und so fand jedes Jahr Ende November oder Anfang Dezember eine große Haus- und Straßensammlung statt, bei der alle Organisationen. auch wir vom Jungvolk. im Einsatz  waren. Meistens herrschte um diese Zeit bereits winterliche Kälte. Wir unvernünftigen „Pimpfe“ gingen trotzdem - getreu dem Wahlspruch „Gelobt sei, was hart macht“ - möglichst noch in kurzen Hosen und waren stolz darauf, wenn die Erwachsenen das bemerkten und den Kopf schüttelten. Zu mir sagte einmal jemand: „Wart‘ no, du kriegsch emol Rheuma!“ Vielleicht wurde damals tatsächlich die Grundlage für meine heutigen rheumatischen Beschwerden gelegt.

Für das WHW war auch ein Losverkäufer namens Müller tätig. Was in Waldrennach die Krauth. waren in Neuenbürg die Müller. Um sie unterscheiden zu können, sprach man vom Bäcker-Müller, Soda-Müller,  Drucker-Müller und vielen anderen Beinamen. Der Los-Müller war ein kleiner älterer Mann mit Bart. Bevor man ihn sah, hörte man seine laute Stimme, mit der er seine Lose anpries.

Im Zusammenhang mit dem Namen Müller fällt mir noch der 0. W. Müller ein. Er wohnte in der Happey und war ein Mann von ungewöhnlichen Körpermaßen. Eines Tages sah ich ihn mit seiner Frau am Stadtbahnhof (Neuenbürg-Süd) stehen. Der Schalter war noch geschlossen. Er hatte sich an die Wand gelehnt und mit dem Ellbogen am Schalterbreff aufgestützt. Er maß wohl über zwei Meter, und seine zierliche Frau schien neben ihm zu verschwinden. Staunend blickte ich zu ihm auf. Er kam mir wie ein Riese vor. Alles an ihm war übergroß: seine Arme und Beine und vor allem seine Füße, die in gewaltigen Schnürstiefeln steckten, die fast bis zu den Knien reichten. Ich konnte nicht verstehen, warum ihm in diesen großen Schuh die Zehen weh tun sollten; denn so deutete ich seinen Namen “Zeh-weh-Müller“. Zu meiner Entschuldigung darf ich einfügen, dass ich damals noch ein sehr kleines Knäblein war. Jahre später habe ich dann begriffen, dass er kein “Zeh-weh Müller“ war, sondern “0. W. Müller“ hieß.

In den Jahren im Jungvolk fanden in der Adventszeit Heimatabende statt, in denen bald deutlich wurde, dass die Verantwortlichen des Driften Reiches versuchten, aus dem christlichen Weihnachtsfest ein nordisches Julfest zu machen. Das deutsche Volk sollte nicht mehr, wie seit vielen Jahrhunderten an Weihnachten die Geburt des Weltheilandes feiern, sondern das Ereignis der Wintersonnwende. So sangen wir bei den Heimatabenden in der Mühle statt “Stille Nacht  ‚“Hohe Nacht der klaren Sterne“. Und wir lasen nicht die Weihnachtsgeschichte aus der Bibel, sondern Geschichten von unseren heldenhaften germanischen Vorfahren. Aber das christliche Weihnachtsfest mit Glockenläuten und Gottesdienst, Adventskranz und Christbäumen war nicht zu verdrängen, es hat sich behauptet, damals wie heute. Und wenn wir in diesem Jahr in den Gottesdiensten oder zu Hause die alten Weihnachtslieder singen: “Ich steh an deiner Krippe hier“ oder “0 du fröhliche...“ und wenn diese vertrauten Texte und Melodien uns anrühren, dann spüren wir etwas von der zeitlosen Kraft, die von diesen schlichten, zu Herzen dringenden Liedern ausgeht. Sie haben einst unseren Soldaten an der Front oder in Gefangenschaft und den Heimatvertriebenen auf der Flucht Kraft zum Durchhalten gegeben. Dies gilt auch für die Weihnachtsgeschichte nach Lukas 2, die wir am Heiligen Abend hören oder lesen werden: “Es begab sich aber zu der Zeit ...“. Wenn heute schon im November die Werbung für die Weihnachtsgeschenke anläuft, dann ist es heilsam, wenn wir uns an die Jahre erinnern, da an Weihnachten die Sorge um Angehörige und die Angst um das eigene Leben unser Herz beschwerten, als es so gut wie nichts mehr zu kaufen gab, was man hätte schenken können, und als die genannten Lieder und Texte den einzigen Trost boten.

Bald ist wieder Jahreswechsel und Gelegenheit, über uns selbst und unsere Zeit nachzudenken. Wir leben im Computerzeitalter. Internet, E-Mails. Faxgeräte und Handys bestimmen den Alltag. Wir können so viel, dass sich leicht der Gedanke einschleicht. wir hätten alles im Griff. Aber dem ist nicht so. Neulich wollte ich auf meiner Bank Geld abheben, eigentlich ein ganz einfacher Vorgang. Aber die Computeranlage war ausgefallen und nichts ging mehr.

Wir haben viel erreicht und sind erst recht abhängig geworden. Abhängig sind wir aber auch noch in einem tieferen Sinn: Wie war es denn vor einem Jahr, als am zweiten Weihnachtsfeiertag der Orkan Lothar“ über‘s Land fegte? Die Meteorologen erklärten hinterher, er sei “aus dem Nichts gekommen . Vielleicht wollte uns der Schöpfer zeigen, wie hilflos wir den entfesselten Naturgewalten ausgeliefert sind. Gegen Unwetter, Stürme oder Hochwasser sind wir immer noch machtlos und können hinterher nur aufräumen.

Dazu kommen von Menschen gemachte Unfälle. Ich danke an die schreckliche Katastrophe von Kaprun mit 155 Toten, die sich trotz modernster Technik nicht verhindern ließ. Die Fachleute behaupten immer wieder bis heute: dieser Zug konnte eigentlich gar nicht brennen. Und dann ging er doch in Flammen auf. Das Unheil brach wie ein Blitz aus heiterem Himmel auf fröhliche Menschen herein. Wie schwer war und ist es, für die verzweifelten Angehörigen Worte des Trostes zu finden, wie belastet waren und sind die Rettungsmannschaften.

Wenn es um Leben und Tod geht, spüren wir die Ohnmacht unserer modernen Computerwelt. Da sucht und braucht man die Hilfe Gottes und die persönliche Teilnahme von Menschen. Wer älter geworden ist, wird dankbar auch für das kleine Glück, dass man morgens aufstehen und seine Glieder bewegen kann, wenn auch unter Schmerzen. Schauen wir nicht so sehr darauf, was wir nicht mehr können, sondern mehr auf das, was uns noch möglich ist.

Ich wünsche uns für das Neue Jahr, dass wir Gott vertrauen und einander Gutes tun, solange wir noch auf dieser Erde leben.

Karl Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen

Zum Seitenbeginn

horizontal rule

Jugenderinnerungen an Neuenbürg

Während ich dies schreibe, sind die letzten Stunden des Jahres 1999 angebrochen. Es ist der 31. Dezember. Der letzte Tag des Jahres ist für mich mit einer besonderen Erinnerung verbunden: am Abend des 31. Dezember 1944 musste ich als 17 jähriger noch einmal von zu Hause fort, um als Soldat nach Wilhelmshaven einzurücken.

Auch damals hatte es geschneit, so wie heute. Aber sonst war alles anders. In jener Silvesternacht 1944 auf 1945 fuhr ich in die bodenlose Ungewissheit des Krieges hinein. Heute, 55 Jahre später, sitze ich im warmen Zimmer, und blicke hinaus in den Frieden unseres verschneiten Gartens. Es dämmert bereits, und die Kerzen an einer unserer Fichten sind schon eingeschaltet. Sie werfen ein wunderbares, leicht rosa angehauchtes Licht auf die dick verschneiten Zweige. An manchen Stellen funkeln Eiskristalle. Nachher werde ich mit meiner lieben Frau in den Jahresschlussgottesdienst gehen, um Gott für das abgelaufene Jahr 1999 zu danken.

Meine Gedanken wandern zurück in die Zeit meiner Kindheit: auf meinem Schreibtisch steht ein Kalender mit schönen Aufnahmen aus Neuenbürg und Umgebung. Meine Schulkameraden haben ihn uns schon vor Jahren geschenkt. Das Dezemberbild liebe ich von allen am meisten. Es wurde aufgenommen vom alten Friedhof her, und der Blick geht über das tief verschneite Städtle. Das Bild strahlt einen tiefen Frieden aus. Die Kirche steht in Mittelpunkt, das Rathaus mit seinen Türmchen hält sich bescheiden im Hintergrund. Von einigen wenigen Häusern sieht man die Giebel, von allen anderen nur die verschneiten Dächer. Kein einziger Mensch ist zu sehen, und doch wohnen in den Häusern viele Menschen, junge und alte, gesunde und kranke, glückliche und unglückliche.

Dieses Bild ist nahezu zeitlos, es könnte schon zu meiner Jugendzeit vor 60 und mehr Jahren aufgenommen worden sein. Die Menschen, die damals das Leben im Städtle bestimmten, sind längst gestorben, manche von ihnen wohl auch schon vergessen. Der viele Schnee erinnert mich ans Schi- und Schlittenfahren. Wo gab es so rasante Schlittenbahnen wie beim Auto-König oder auf der Waldrennacher Steige? Kann man heute in Neuenbürg überhaupt noch irgendwo Schlitten fahren? Wir mussten seiner Zeit zum Wintersport nicht irgendwohin fahren, wir hatten die herrlichsten Möglichkeiten vor der Haustüre, und Schnee gab es in jenen Jahren mehr als genug.

In der Bildmitte steht die Evangelische Stadtkirche. Sie war für mich in meiner Jugendzeit und solange ich in Neuenbürg wohnte, ein Stück Heimat, mit der sich für mich viele Erinnerungen verbinden. Hier besuchte ich den Kindergottesdienst und durfte bei der Weihnachtsfeier auch ein Verslein aufsagen. Schwester Frieda war die erste Kinderkirchhelferin, die mir biblische Geschichten erzählte. Der Dekan hieß damals Megerlin. Er hielt bei der Beerdigung meiner Mutter die Traueransprache. Ich war sieben Jahre alt, aber ich weiß noch den ersten Satz, den er in der Leichenhalle auf dem Friedhof sprach: „Selig sind die Leidtragenden; denn sie sollen getröstet werden“ (Matth. 5, Vers 4).

Das Bild von der Kirche erinnert mich an meine Konfirmation durch Dekan Schwemmle im Jahr 1942. Wie haben wir diesem gütigen Mann im Unterricht zugesetzt, dadurch dass wir so viel Unsinn trieben und Krach machten, dass er oft nur noch mit Mühe zu Wort kam. Ich muss aber ausdrücklich betonen, dass die Mädchen, alle Waldrennacher und auch einige von uns Neuenbürgern, sich nicht an den Störaktionen beteiligten. Dekan Schwemmle hat das hinterher im Konfirmandenregister schriftlich festgehalten. Wir Unruhestifter dachten in unserem jugendlichen Unverstand nicht daran, welche Arbeitsbelastung auf diesem Mann lag, der immer wieder auch in den umliegenden Gemeinden des Dekanatsamts einspringen musste, weil die meisten Pfarrer als Soldaten im Krieg waren. Sehr belastend waren für ihn auch die Trauergottesdienste für die Gefallenen und die damit verbundenen seelsorgerlichen Besuche bei den oft verzweifelten Angehörigen. Unser Verhalten kann ich nur so erklären: in der Schule und im „Jungvolk“ und auch zu Hause ging es in der Regel streng zu. Dekan Schwemmle versuchte es im Konfirmandenunterricht mit Liebe und Güte. Das haben wir ihm nicht gedankt, sondern es ausgenützt und ihm das Leben schwer gemacht, obwohl wir ihn im Grunde gern hatten. Heute tut es uns leid. Nach dem Krieg wurde bekannt, dass Dekan Schwemmle von den Nationalsozialisten überwacht wurde und auf ihrer „schwarzen Liste“ stand. Persönlich hatte er und seine Familie ein schweres Schicksal zu tragen. Der ältere Sohn Erhard ist im Krieg gefallen, der jüngere, Werner. nach dem Krieg bei einer Ferienfahrt in der Biskaya ertrunken.

Von der Konfirmation selber weiß ich nicht mehr viel. Ich war froh, dass ich meine Fragen gut auswendig gekonnt hatte und nicht stecken geblieben war. Zu Hause ging es einfach zu. Heute feiern die meisten Konfirmanden in einem Gasthaus; deshalb können die Konfirmationen auch nicht mehr im ganzen Land am gleichen Sonntag gehalten werden. Meine Großeltern hatten sich sehr bemüht, trotz der kriegsbedingten Rationierungen, ein gutes Essen auf den Tisch zu bringen. Meinen Patenonkel habe ich an jenem Tag zum letzten Mal gesehen; er ist bald darauf gefallen. Mit dem, was Konfirmanden heute geschenkt bekommen, konnten wir uns nicht messen; fünf Mark galten als ein schönes Konfirmationsgeschenk.

Nach dem Gottesdienst versammelten wir uns zum Konfirmandenbild neben dem Gemeindehaus. Diese Aufnahme wurde in jenen Jahren stets vom Fotografen Stadelmann angefertigt. Er hatte es nicht leicht mit uns, sondern viel Mühe, bis wir aufgestellt und zur Ruhe gebracht waren. Ich sehe ihn noch vor mir, wie er immer wieder beschwörend die Hände hob und ausrief: „Bitte, es muss ein Andenken sein!“ Ich habe dieses Bild vor mir liegen. Wir stehen alle so brav, als könnten wir kein Wässerlein trüben. Wir waren damals, 35, 20 Jungen und 25 Mädchen. Inzwischen sind elf bereits verstorben, der letzte war Herbert Regelmann in Kanada.

Nach Kriegsende waren die Gottesdienste in der Evangelischen Stadtkirche überfüllt. Dekan Schwemmle war nicht nur ein liebenswerter Mensch und bewährter Seelsorger, sondern auch ein guter Prediger. Er ging dann als Dekan nach Biberach, sein Nachfolger wurde 1947 Dekan Dr. Seifert. Für mich gab es noch ein Nachspiel, als ich mich nach dem Abitur im Sommer 1947 entschlossen hatte, Theologie zu studieren, um Pfarrer zu werden, brauchte ich ein Leumundszeugnis meiner Heimatgemeinde. Dekan Seifert, der erst wenige Wochen zuvor sein Amt in Neuenbürg angetreten hatte, sah sich außerstande, mir diese Bescheinigung zu geben. Er kenne mich nicht und müsse deshalb seinem Vorgänger nach Biberach schreiben. Der nur könne mir ein solches Zeugnis ausstellen. Mit Bangen wartete ich auf die Antwort, aber wie hat mich Dekan Schwemmle beschämt. Als ich nach 14 Tagen wieder im Dekanatamt vorsprach. erklärte mir Dr. Seifert: „mein Vorgänger hat Ihnen das beste Zeugnis ausgestellt und Sie wärmstens empfohlen“.

In den ersten Jahren nach dem Krieg gab es in Neuenbürg eine blühende kirchliche Jugendarbeit. bei der sich Vikar und Pfarrverweser Adolf Kölle in besonderer Weise engagierte. Unter seiner Regie übten wir das Laienspiel Markus ein. Aus dem Jungmännerkreis wirkten dabei mit Eugen Bleiholder, Karl Holst, der inzwischen verstorbene Paul Keck, und ich, aus dem Mädchenkreis Elsbeth Mauthe und Hanne Kirn. Wir führten das Spiel in der Stadtkirche zwei Mal auf, jedes Mal war die Kirche voll. Mit einem Lastwagen fuhren wir auch in andere Gemeinden. Ich erinnere mich an Gräfenhausen, Birkenfeld und Grunbach/Salmbach. Wo immer wir auftraten., waren die Kirchen überfüllt. In der Grunbacher Kirche waren so viele Besucher anwesend, dass wir nur noch wenige Quadratmeter Spielfläche am Altar zur Verfügung hatten. In jener Hungerzeit war es nicht unwichtig, dass wir vor unserem Auftritt in Privathäuser verteilt wurden und ein gutes Nachtessen bekamen.

Ihm Jahr 1951 ereignete sich in der Kirche ein Aufsehen erregender Vorfall, der sich zum Glück in der Weise nicht mehr wiederholen kann. An einem Sonntag Abend vor Ostern, vermutlich am Palmsonntag, fand das Konfirmandenabendmahl statt. Ich war nicht in der Kirche, sondern machte mich um die gleiche Zeit von unserem Haus in der Schlößlestraße auf ins Städtle. Auf der Vorstadtbrücke kamen mir dunkel gekleidete Menschen entgegen. Einige weinten, andere stützten sich gegenseitig. Da hörte ich auch schon jemand sagen: „in der Kirch‘ isch ebbes passiert!“ Ich ging rasch weiter durch die Burgstraße. Schon von weitem hörte ich aufgeregtes rufen, aber auch jammern und stöhnen. Als ich den Kirchplatz erreicht hatte, bot sich mir ein gespenstisches Bild: die Türen standen weit offen, und das Licht fiel aus der hell erleuchteten Kirche auf die Straße. Hinter der Kirche saßen oder lagen Menschen. Ärzte, Sanitäter und Feuerwehrleute rannten umher, um erste Hilfe zu leisten. Ich hörte eine Stimme: „da hat bestimmt jemand den Wein vergiftete!“ Aber das Unglück hatte eine andere Ursache: in der Kirche standen damals noch zwei große gusseiserne schwarze Öfen, die mit Holz und Kohlen, bzw. Koks geschürt wurden. In einem oder beiden Öfen hatte sich Kohlenmonoxyd entwickelt. Dieses gefährliche geruchlose Gas war während des Gottesdienstes ausgetreten und hatte sich langsam aber stetig ausgebreitet, wie ein unsichtbarer See, der immer höher stieg. Zuerst wurde es den Konfirmanden schlecht, einige mussten sich erbrechen. andere sanken zu Boden. Als auch die Erwachsenen erfasst wurden, musste der Gottesdienst abgebrochen werden. Die Besucher verließen die Kirche, manche noch mit eigener Kraft, andere wurden hinausgeführt oder hinausgetragen. Auf dem Kirchplatz herrschte eine ungeheuere Aufregung. Viele Betroffene rangen verzweifelt nach Luft. Offensichtlich verstärkten sich die Krankheitssymptome an der frischen Luft. So weit mir bekannt ist, konnten schließlich alle so versorgt werden, dass sie keine bleibenden Schäden davontrugen. Ich habe diesen Vorfall so aufgeschrieben, wie er in meiner Erinnerung noch lebendig ist. Vielleicht wissen diejenigen. die unmittelbar betroffen waren, noch besser Bescheid. Weil Dekan Dr. Seifert, und vor allem Vikar Weichert, ebenfalls gesundheitlich angeschlagen waren, habe ich damals in Neuenbürg und Waldrennach je einen Gottesdienst gehalten, ich befand mich zu jener Zeit im fünften Semester meines Studiums.

Mit der Evangelischen Stadtkirche verbinden sich bei mir sonst nur erfreuliche Erlebnisse. Hier habe ich als Helfer im Kindergottesdienst meine allerersten Versuche unternommen, Kindern biblische Geschichten möglichst anschaulich zu erzählen. Bald nach Kriegsende habe ich, zusammen mit meinem Freund Robert Silbereisen, im Kirchenchor gesungen, zunächst unter der Leitung von Dekan Schwemmle. Damals sang der Chor nach dem Jahresschlussgottesdienst draußen auf dem Marktplatz. Die Schwärmer zischten uns um die Köpfe. Knallfrösche und Kanonenschläge explodierten in nächster Nähe, so dass man in späteren Jahren auf dieses an sich schöne und stimmungsvolle Singen vor der Kirche verzichten musste. Als Herr Ackermann aus der Gefangenschaft zurückgekehrt war, übernahm er wieder die Leitung des Kirchenchors. Besonders schön war es, wenn wir in der Frühe des Ostermorgens auf dem alten Friedhof gesungen haben. Gerne denke ich an diese Zeit zurück. Im Kirchenchor habe ich meine Frau kennen gelernt, am 07. Mai 1953 wurden wir von Dekan Seifert in der Stadtkirche getraut. und im Jahr 1956 konnten meine Großeltern dort ihre Goldene Hochzeit feiern.

Das schöne Kalenderbild, das mich zu diesen Erinnerungen inspiriert hat, ist unweit von der St.-Georgs-Kapelle aufgenommen worden. Sie war während meiner Jugendzeit in der Regel verschlossen. Aber gerade deshalb erregte sie unsere Neugier. Das Fenster an der Seitenwand war mit einem stabilen Gitter versperrt. Aber dieses Schutzgitter hatte sich im Lauf der Jahre etwas gelockert, so dass wir es vollends aufbiegen konnten. An dieser Stelle stiegen wir ein, rutschten den Fensterhals hinunter und plumsten auf einen Kokshaufen. Das Kircheninnere lag in einem geheimnisvollen Dämmer, so dass die Wandmalereien über den Kindermord von Behtlehem nur schemenhaft zu erkennen waren. Ein modriger Geruch verstärkte die gruselige Atmosphäre, über eine knarrende Holztreppe stiegen wir hinauf zu einer Falltüre. Wir klappten sie hoch und sicherten sie sorgfältig mit dem Riegel an der Wand; denn wenn diese stabile Brettertüre zugefallen wäre, hätten wir uns selber eingesperrt. Auf dem Bühnenboden liefen wir zum Turm. Als besondere Mutprobe galt es, die dort zum Teil frei über den Abgrund verlaufenden Balken zu betreten. Lang hielten wir es im „Kirchle“ nie aus. Irgendwie erschien uns die Umgebung unheimlich. Wenn wir auf dem Rückweg die Falltüre hinter uns geschlossen haften, ging es uns wieder besser. Allerdings war es recht schwierig, über den glatten Fensterhals wieder an Tageslicht zu kommen. Hinterher hatte ich stets ein wenig schlechtes Gewissen, denn eigentlich haften wir etwas Verbotenes getan.

Für das bereits mehrfach erwähnte Bild mit dem Blick übers Städtle, gibt der Wald einen schönen Rahmen. Vor und während meines Studiums habe ich als Holzmacher gearbeitet, um mir das Geld für das Studium zu verdienen. Angefangen habe ich mit einem Stundenlohn von 86 Pfennigen. am Ende verdiente ich 1,05 DM. Das waren harte Monate, vor allem auch durch die mangelhafte Ernährung. Wenn wir zum Vesper am Feuer saßen, habe ich manchmal nur trockenes Brot und eine Zwiebel gehabt, an der ich wie an einem Apfel heruntergebissen habe. Das Rathaustürmchen erinnert mich daran, dass wir Holzhauer (Conzelmann, Scheerer, Kirn und ich) unseren Zahltag persönlich bei Stadtpfleger Klaiber abholten, Der Blick geht über die Parzelle Mühlteich in Richtung Mißebene. Dort kannte ich in jenen Jahren jeden Weg. Der Mühlteich galt als Wetterecke. Wenn meine Großmutter sagte‘.,, bleib‘ dahoim, em Mühlteich isch‘s scho beerschwarz“. dann kam in der Regel bald ein Gewitter.

Die Kirche spielt nicht mehr die Rolle wie in meiner Kindheit oder in den Jahren unmittelbar nach dem Krieg. Das wird in diesen Tagen des Jahreswechsels besonders deutlich. Wie viel Theater wurde um den Jahrtausendwechsel gemacht, wie viel Unsinn geschrieben, wie viel Angst verbreitet: werden die Computer versagen, wird das gesellschaftliche Leben zum Erliegen kommen ? Andere machten Pläne, wie großartig sie Silvester feiern würden. Und dann kam alles ganz anders: Am zweiten Weihnachtsfeiertag brauste der Orkan „Lothar“ übers Land. Er fegte heran „aus dem Nichts“ ‚wie die Meterologe‘ entschuldigend sagten. Da wurden uns die Grenzen aufgezeigt. Ich selbst war mit meiner Frau im Auto zwischen umgestürzten Tannen eingeschlossen. Und mit einem Schlag war alles andere unwichtig. Hoffentlich haben wir alle, vor allem die Verantwortlichen in unserer Gesellschaft, etwas gelernt. Wir sind nicht die großen Macher, die alles können. Eine Kleinigkeit, und wir sind hilfloser als ein kleines Kind. Ich musste an Matthias Claudius denken, der schon vor rund 200 Jahren dichtete: „wir stolzen Menschenkinder sind eitel arme Sünde und wissen gar nicht viel. Wir spinnen Luftgespinste und suchen viele Künste und kommen weiter von dem Ziel.“

Wir wollen bei dem Blick übers Städtle nicht nur zurückdenken. Was wird uns das Jahr 2000 bringen? Was will uns Angst machen? Mir will die Computerwissenschaft Angst machen. In 30 Jahren sollen die Computer so intelligent wie Menscher sein, und man wird Kleinstcomputer konstruieren, von der Größe einer menschlichen Zelle, um sie in unser Gehirn oder in ein anderes Organ einzupflanzen, um unser Leben zu verlängern oder unsere Fähigkeiten zu verbessern. Wird da menschliche Leben vollends zum Spielball wissenschaftliche Experimente? Wo bleibt der Mensch als Geschöpf Gottes.

Angst machen will mir die zunehmende Kriminalität, vor allen unter der Jugend. Wir waren einst auch Lausbuben; ich denke, ich habe das nicht verschwiegen. Aber wir wären nie auf den Gedanken gekommen. unsere Lehrer tätlich anzugreifer Was ist das für eine Zeit, in der zwölf- bis vierzehn- Jährige sich vornehmen, Lehrer und Mitschüler zu erschießen, „um berühmt zu werden?“ Wenn man Gott über sich nicht mehr anerkennt und seine Gebote missachtet, wie das heute üblich geworden ist, vor allem auch in dem, was das Fernsehen zeigt, dann wird die Hemmschwelle, die uns davor bewahrt,  etwas Böses zu tun, immer niedriger und fällt schließlich ganz weg.

Noch einmal betrachte ich unser Konfirmandenbild. Im Jahr 1992 feierten wir miteinander das Fest der Goldenen Konfirmation. Nicht alle konnten dabei sein, aber die, die gekommen waren, erlebten einen sehr schönen Tag. Einige hatte sich seit Jahrzehnten nicht mehr gesehen. Da gab es viel zu erzählen. Wir über 70-Jährigen spüren. wie die Kräfte und Fähigkeiten nachlassen und sich Gebrechen einstellen oder Krankheiten bemerkbar machen. Wir machen uns Gedanken, ob wir in unseren eigenen vier Wänden bleiben können, in vertrauter Umgebung, zusammen mit unseren Lieben, oder ob der Tag naht, wo wir in ein Altersheim oder gar Pflegeheim ziehe müssen.

Solche Gedanken wollen wir nicht verdrängen, aber sie sollen uns auch nicht zu Boden drücken und jede Lebensfreude nehmen. Wir wollen uns dem Gott, dem wir alle so viel zu danken haben, auch weiterhin anvertrauen. Die alte christliche Botschaft, die wir schon als Kinder in der Neuenbürger Stadtkirche gehört haben, kann unserem Leben immer noch Halt und Hoffnung geben,, Gottes Barmherzigkeit hat noch kein Ende, sondern sie ist alle Morgen neu und seine Treue ist groß“ (Klagel. Jer. 3, 22). Das gilt uns allen, Alten und Jungen, und darauf können wir uns verlassen.

Wir wollen aber auch einander Mut zusprechen. Wie oft könnte ein einziges gutes Wort, ein Telefongespräch. ein Brief oder ein Besuch einen niedergeschlagenen Menschen auf die Füße stellen und ihm neuen Lebensmut geben.

Karl Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen

Zum Seitenbeginn

horizontal rule

Erinnerungen an eine Kindheit in Neuenbürg

Die meisten älteren Neuenbürger werden ähnlich einfach aufgewachsen sein wie ich bei meinen Großeltern in der Schlößlestrasse. In der Küche, in der wir uns in der Regel aufhielten, stand ein Herd und im Wohnzimmer ein Ofen. Die übrigen Räume waren nicht heizbar. Von einer Öl- oder Gasheizung wussten wir noch nichts. Frühmorgens musste zuerst die Asche ausgeräumt und das Brennholz „eingerichtet“ werden. Es gehörte zu meinen Aufgaben, für das Kleinholz zu sorgen. Ich legte mir beizeiten einen reichlichen Vorrat von „Spechtele“ an. Die "Häb" (oder Hebe) meines Großvaters, die ich dazu verwendete, hat die Jahrzehnte überdauert; ich benütze sie heute noch für das Kleinholz in unserem Kachelofen. Fliessendes Wasser gab es nur in der Küche. Während der Wintermonate wurde es abgestellt, sonst wäre es in der Leitung eingefroren. Wir holten es dann eimerweise im Keller. Auch das Abwasser aus der Küche mussten wir bei strengem Frost im Eimer hinuntertragen und in den Enzkanal leeren, weil das Abwasserrohr aussen an der Hauswand entlang lief. In den meisten Häusern gab es noch keine Wasserspülung. Unser Plumpsklo, der „Abort“, lag in einem zur Winterszeit eiskalten kleinen Kämmerle. Wie selbstverständlich ist für uns heute alle die Wasserspülung, und wie viel gutes Trinkwasser wird dabei verbraucht.

Damals stellte der Fuhrmann Dieter einmal im Jahr ein leeres Güllenfass in den Hof, und dann kam der Rutschich und entleerte unsere Grube. Er hiess mit seinem richtigen Namen Bürkle, wurde aber allgemein nur „Rutschich“ genannt. Er leerte nicht nur die Güllegruben, sondern war bei der Firma Ernst Ochner als Gelegenheitsarbeiter, vor allem als Viehtreiber angestellt. Dieser Beruf ist heute praktisch ausgestorben. aber damals wurde das Schlachtvieh noch nicht mit Lastwagen oder Anhängern transportiert, sondern musste „getrieben“ werden. So sah ich ihn manchmal, wenn er, von Waldrennach kommend, Rinder und Schweine ins Schlachthaus im Brunnenweg führte. Schweine zu treiben ist nicht einfach; denn die Borstentiere ahnen, was ihnen bevorsteht und ergreifen jede Gelegenheit zur Flucht, wobei sie nur sehr schwer wieder einzufangen sind. Wenn er ein Schwein in unsere unmittelbare Nähe zum Metzger Eberle/Aldinger brachte, konnte ich beobachten, dass er es mit einem Strick am linken Hinterfuss angebunden hatte. In der freien Hand hielt er einen Prügel, mit dem er dem Tier hin und wieder einen Schlag versetzte. Ab und zu schlief der Rutschich auch auf dem Sägemehl im Stall der Metzgerei.

Wir Kinder ärgerten diesen gutmütigen Mann so oft wir ihn sahen. Heute tut mir das leid. Wir schrien ihm - aus sicherer Entfernung - nicht nur „Rutschich“ nach, sondern auch den merkwürdigen Satz „Alla battera Borell !“ Sein Bruder war der „Fischer Bürkle“. Ab und zu half er diesem beim Abfischen der Enz. Bei dieser Tätigkeit soll auch sein Unnamen entstanden sein. Als ihm eine bereits gefangene Forelle durch die Hände schlüpfte, soll er entschuldigend erklärt haben: „Rutschich!“ Noch weitere Aussprüche von ihm waren seiner Zeit im Umlauf, so kann ich mich noch an den Satz erinnern: Borell lad de laube, die versaubt s‘ganz Jahr net“. (Wenn man statt b den Buchstaben f einfügt, wird der Ausspruch verständlich).

Es ist sicher begreiflich, dass er uns „auf der Latt“‘ hafte. Wir gingen jeder direkten Begegnung mit ihm aus dem Weg. Aber einmal passierte es doch: Ich wurde ‚.ins Städtle“ geschickt, um im Lädle beim Rauser Backsteinkäse zu holen, für meinen Großvater einen reifen, für den Vater einen unreifen. Wie üblich legte ich den Weg im Laufschritt zurück. Beim überqueren der Enz auf dem schmalen Steg am Turnplatz stand ich plötzlich dem Rutschich gegenüber; ich hatte nicht aufgepasst und ihn nicht kommen sehen. Wie gelähmt blieb ich stehen. Er war ein grosser Mann; in jenem Augenblick erschien er mir mit seinem Schlapphut wie ein Riese. Ängstlich starrte ich zu ihm hoch; wird er mich in die Enz schmeissen? Es ging glimpflich ab. Er packte mich an meinen kurz geschorenen Stehhaaren und zog daran, aber nur ein bisschen, dann ließ er mich los und gab den Weg frei, so dass ich mich an ihm vorbeidrücken konnte. Mein Herz klopfte wie wild, Ich rannte so schnell ich konnte zum Rauser und dann, im gleichen Tempo, wieder nach Hause, ohne daheim etwas von meiner Begegnung zu erzählen.

Verglichen mit damals, sind wir heute verwöhnt: das ganze Haus ist im Winter warm. Die Heizung kann sogar programmiert werden, so dass wir schon morgens beim Aufstehen ein warmes Badezimmer und heisses Wasser vorfinden. Damals hatten wir kein Bad, auch keine Badewanne, nicht einmal ein Handwaschbecken. Das Wasser lief über einen „Wasserstein“ in der Küche. Gebadet habe ich als Kind im Holzzuber, der auf zwei Hockern in der Küche stand. Die Haushaltsgeräte. die wir heute so selbstverständlich benutzen, waren bei uns unbekannt. Es gab weder einen Kühlschrank noch gar eine Gefriertruhe, lediglich eine Speisekammer. Im Sommer und Herbst wurde gegessen, was unsere Gärten hergaben. Ich kann mich nicht erinnern, dass wir Salat, Gemüse oder Obst im Laden gekauft hätten, Auch Dosennahrung war nahezu unbekannt. Vieles wurde eingedünstet. Apfel und Birnen sorgfältig von den Bäumen gebrochen, Zwetschgen gedörrt, Zwiebeln und Kartoffeln im Keller eingelagert. Im besonders strengen ersten Kriegswinter 1939 auf 1940 sind uns die Kartoffeln erfroren; ich kann mich noch gut an ihren unangenehm süsslich Geschmack erinnern. Gegessen werden mussten sie trotzdem. Aber die „Kartoffelschnitz‘ und Spätzle“ schmeckten mir nicht mehr.

Zum Thema Kartoffeln fällt mir noch etwas ein, was heute vermutlich eher kurios oder komisch empfunden wird: Zu Beginn des Krieges war eine Kartoffelkäferhysterie ausgebrochen. Der etwa einen Zentimeter lange hübsche Käfer ist gelb mit zehn schwarzen Längsstreifen auf den Flügeln und einem schwarzen Kopf. Er galt damals als Volksschädling. der die Kartoffelernte vernichten und uns an den Rand einer Katastrophe führen könnte. In den grossen Kartoffelanbaugebieten wurden Schulklassen, Jungvolk und Jungmädel aufgeboten. um die kleinen Käfer abzulesen. Ich selbst habe einmal in Maulbronn eine solche Suchaktion mitgemacht, ohne dass wir -trotz stundenlanger Suche - auch nur einen einzigen Käfer gefunden hätten. Rundfunk und Tageszeitungen riefen zur erhöhten Wachsamkeit auf, und auch in Neuenbürg waren Plakate mit dem Bild des Schädlings aufgehängt. Wir hatten in unserem Garten am Hinteren Berg nur wenige Quadratmeter Kartoffeln angepflanzt. Trotzdem musste ich ein Mal in der Woche zu einem festgesetzten Zeitpunkt am Turnplatz erscheinen. Dort erwartete mich und die anderen Kartoffelanbauer ein kleiner älterer Mann, dessen Name mir entfallen ist (hiess er Henssler?) Er las die Namen vor, und wir mussten „hier“ rufen und erklären, ob wir etwas gefunden hätten, Ich habe unsere wenigen Kartoffelstauden fleissig untersucht, ohne jemals einen Käfer zu finden, wie übrigens alle anderen Anwesenden auch nicht. Damals wurde steif und fest behauptet, die Engländer würden nachts nicht nur Bomben werfen, sondern auch Kartoffelkäfer abregnen lassen, um unsere Volkswirtschaft zu ruinieren.

Aber noch einmal zurück zu Essen und Trinken in meiner frühen Jugendzeit: Da wo ich heute wohne, gibt es einen grossen Supermarkt. Wenn ich an den überladenen Regalen entlang gehe, dann stelle ich fest, dass mindestens 80 Prozent der angebotenen Waren uns damals gänzlich unbekannt waren. Dieser Tage werden dort Erdbeeren verkauft. Erdbeeren in der Adventszeit, muss das eigentlich sein? Es gab allerdings einst auch kein Fernsehen, das uns hätte vorgaukeln können, wie arm wir seien, und was wir alles anschaffen sollten, um glücklich zu sein. Wir waren zufrieden, Es war auch nicht schwer, uns Kindern am Geburtstag oder an Weihnachten eine Freude zu machen; wir waren nicht verwöhnt.

An die Adventszeit erinnere ich mich besonders gerne zurück, vor allem an die Tage, an denen meine Großmutter Brötle backte. Dann durchzog ein köstlicher Duft das ganze Haus. Ich durfte mithelfen, den Teig rühren und die Ausstecherle fabrizieren oder mit einem Löffel die Teighäufchen auf ein Blech setzen. Wenn wir fertig waren, sagte die Großmutter: „So, jetzt gesch zom Bäcker-Mayer fam. Bass aber uff und schmeiss s‘Blech net weg.“ Ich habe zum Glück nie etwas fallen lassen, obwohl im Hof und auf der Strasse gerade in der Zeit vor Weihnachten häufig Schnee und Eis lagen. Der Bäcker Mayer hat die ganzen Jahre hindurch unsere Brötle sorgfältig behandelt und nie etwas „verbrannt“. So weit ich mich erinnern kann, hat er auch nie etwas dafür verlangt. Da wir auch alle Kuchen zu ihm brachten, empfinde ich das heute als einen sehr freundlichen Kundendienst. Wenn ich mit den wunderbar riechenden Weihnachtsbrötle zurückkam, durfte ich von jeder Sorte eines probieren. Die anderen wurden bis zum Heiligen Abend aufbewahrt.

Im Städtle war es in der Adventszeit auch damals, anfangs der Dreissiger Jahre, sehr schön. Der Christbaum stand nicht am heutigen Platz, sondern vor der Bäckerei Malmsheimer. Da es noch nicht so viele bunte Lichterketten gab, erstrahlten die Kerzen von der grossen Weisstanne umso heller.

Auch die Schaufenster waren erleuchtet. Da wo sich heute die Volksbank befindet, stand einst das Geschäft des Einzel-und Grosshandelskaufmanns Göckelmann) ich meine fast, er schrieb sich Göggelmann?). Sein Schaufenster übte auf mich und meine Alterskameraden eine besondere Anziehungskraft aus; denn dort fuhr eine elektrische Eisenbahn, Spur Null. So etwas Wunderbares selber zu besitzen, war für mich in meiner Jugendzeit unerreichbar. So stand ich häufig vor jenem Schaufenster und verfolgte den Lauf des erleuchteten Zuges.

Während ich dies schreibe, ist wieder Adventszeit. Meine Kindertage liegen mehr als sechs Jahrzehnte zurück. Draussen fallen grosse Schneeflocken. Das Wetter erinnert mich an damals. Aber sonst hat sich viel verändert: Täglich bringt uns die Postbotin Prospekte ins Haus. Auch in der Tageszeitung liegen mehrere bunte Beilagen. Und alle fordern sie zum Kaufen auf. Wie viel Unruhe, Aufregungen und Hektik bereiten sich aus; manche Menschen scheinen von einem wahren Kaufrausch erfasst.

Einst waren die kurzen Tage und langen Nächte eine ruhige Zeit. Wird es heute überhaupt noch richtig still ? Wenn ich bei Nacht ein Fenster aufmache und hinaushorche, dann höre ich irgendwo ein Auto oder Motorrad fahren oder ein Flugzeug brummen. Jeden Tag fahren durch unseren Wohnort Oberjettingen zwanzigtausend Fahrzeuge; auch bei Nacht rollt der Verkehr.

Wenn man damals, nach Einbruch der Dunkelheit, das Haus verliess, war kaum ein Licht zu sehen und kein Laut zu hören. nur das Knirschen des Schnees unter den eigenen Füssen. Manchmal wünsche ich mir jene dunklen und lautlosen Nächte meiner Kindheit zurück, dazu die herrlich frische Winterluft und das Funkeln der Sterne, die in jenen Tagen noch in wunderbarer Klarheit herableuchteten.

Die zahlreichen grellen und bunten Lichter unserer hektischen Zeit drohen das Wesentliche des Weihnachtsgeschehens zu überlagern.

Ich wünsche es Ihnen allen und mir, dass wir - trotz allem - den stillen Glanz erkennen, der von dem Kind in der Krippe ausgeht, und dass wir nachdenken, was die Geburt des Heilandes für uns bedeutet.

Karl Baumann, Belchenstr, 3, 77737 Jettingen

Zum Seitenbeginn

horizontal rule

Heimkehr

Am 11. August 1945 erhielt ich in Meldorf (Schleswig/Holstein) die Entlassungspapiere aus englischer Kriegsgefangenschaft. Sie wurden mir und anderen ehemaligen deutschen Soldaten mit dem Hinweis ausgehändigt: „Alle, die aus der französischen Zone stammen und dorthin entlassen werden wollen, bekommen noch einen Stempel in einem Durchgangslager. Ohne diesen Stempel sind Eure Entlassungspapiere ungültig.“  
An einer Wand der Baracke, in der wir entlassen wurden, hing eine große Landkarte von Deutschland, auf der die vier Besatzungszonen eingezeichnet waren.
Mit klopfendem  Herzen stand ich davor. Eine dicke rote Linie, welche die amerikanische von der französischen Zone trennte, lief genau über meinen Heimatort Neuenbürg weg. Mir war sofort klar, dass der Kreis Calw und damit auch Neuenbürg zur französischen Zone gehörte.
Aber ich machte mir keine Sorgen. Erst einmal nach Süddeutschland kommen, dann würde ich schon Mittel und Wege finden‚ mich nach Hause durchzuschlagen, mit oder ohne den ominösen Stempel. Rückblickend wundere ich mich heute, wie unbekümmert und zuversichtlich ich damals in die Zukunft blickte. Aber ich war noch sehr jung, gerade erst 18 Jahre alt geworden, und einfach froh und glücklich, dass ich Krieg und Gefangenschaft heil und gesund überstanden hatte. Alles weitere würde sich finden, wenn ich erst einmal zu Hause war; dabei wusste ich noch nicht einmal, ob es dieses Zuhause noch gab, und ob die Großeltern noch lebten.
Ich besaß nur noch, was ich auf dem Leibe trug: Unterhemd und Unterhose, darüber die Soldatenuniform und einen Mantel, auf dem Kopf den „Speckdeckel“, meine alte Soldatenmütze und an den Füssen Schuhe, ohne Strümpfe. Dazu einen leeren Tornister zum Draufsitzen.
Am späten Nachmittag marschierten wir zum Bahnhof, dort stand ein Güterzug, dessen Länge ich auf etwa 60 Waggons schätzte.
Immer 50 Mann in einen Waggon!“  Als wir etwa in der Mitte des Zuges eingestiegen waren, herrschte darin drangvolle Enge, Geschiebe und Gefluche. Wir zählten ab, 53 Mann. Ich hatte einen Platz an der offenen Schiebetür ergattert, die mit einer Querstrebe gesichert wurde. Ich hockte mich auf meinen Tornister, legte die Arme auf die Verstrebung, ließ die Beine baumeln und besaß auf diese Weise einen Fensterplatz. Endlich setzte sich der Zug in Bewegung. Er sollte auf der langen Reise in den Süden noch viele Male halten. Oft standen wir lange irgendwo auf freier Strecke. Sobald die Lok anzog, lief das Klirren der aneinander gekuppelten Wagen den ganzen Zug entlang und signalisierte uns: endlich geht’s weiter. Auch das Stoppen des Zuges hörten wir, noch ehe unser Wagen stand, wenn die Bremsen kreischten und die Puffer von vorne nach hinten aneinander klickten. Der erste Halt kam schon nach wenigen Kilometern. Als der Zug eine der gut 40 Meter hohen Brücken über den Nord-Ostsee-Kanal passierte, verlangsamte er die Fahrt und hielt schließlich ruckend und klirrend mitten auf der Brücke an. Diese knarrte und schwankte beängstigend, dann wurde es still. Ich saß hoch über der Mitte des Kanals und blickte in die Tiefe. Direkt vor unserem Waggon, zum Greifen nahe, war die Brücke samt Geländer mit Balken, Brettern und Drahtseilen zusammengeflickt. Wir starrten hinaus und hinunter, niemand sprach ein Wort. Nur die Brücke knisterte, knackte und vibrierte. Tief unter uns fuhr ein Frachter durch. Warum musste der verdammte Zug ausgerechnet auf dieser wackeligen Brücke halten ? Einer meinte, es werde wohl kontrolliert. Dann hörten wir ein scharfes Klirren, und wir ruckten etwa einen halben Meter zurück, die Brücke zitterte und schwankte. Ängstlich starrten wir hinunter Die Minuten dehnten sich endlos. Endlich hörten wir den Pfiff der Lokomotive und das bereits vertraute Klirren, wir setzten uns wieder in Bewegung.

Wir passierten Itzehoe. Hier war ich sechs Wochen ausgebildet und für den Fronteinsatz vorbereitet worden. Wie oft waren wir singend durch das hübsche Städtchen marschiert, voraus unser säbelbeiniger Leutnant. Manch einer, der damals mitgesungen hatte, war gefallen, sinnlos verheizt in den letzten drei Wochen eines längst verlorenen Krieges.
In meinem Waggon kannte ich niemand; wir waren ein zufällig zusammen
gewürfelter Haufen. Die alten Kameraden waren im Wesselburener Koog, auf dem Hof des Bauern Peter Kruse, zurückgeblieben, wo wir seit Kriegsende gearbeitet hatten.
In der Abenddämmerung näherten wir uns Hamburg. Alle drängten sich an die Tür,
um einen Blick zu erhaschen. Schemenhaft glitten minutenlang die bizarren Ruinen der Vorstädte vorbei. Wortlos starrten wir, dicht aneinandergedrängt, hinaus. Plötzlich entdeckten wir Lichter. Mitten zwischen zerstörten Häusern, auf Schutthügeln und Mauerresten standen junge Menschen mit Fackeln und Laternen. Sie winkten und riefen uns aufmunternde Worte zum. Wir wussten nicht, wer uns da grüßte, vielleicht eine Jugendgruppe? Es mag auch nur eine Minute gedauert haben, aber diese Minute ist bei mir unvergessen. Mir erschienen diese Lichter wie ein Zeichen der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Unsere Fahrt von Norddeutschland in den Süden dauerte drei Nächte und drei Tage: Hannover, Göttingen, Kassel, Frankfurt, Bad Kreuznach, Mannheim, Heidelberg, Bruchsal, Mühlacker. Viele Bahnhöfe und zahlreiche Brücken waren zerstört,  so dass wir große Umwege in Kauf nehmen mussten, und 
immer wieder stand unser Zug stundenlang in oder vor einem Bahnhof oder irgendwo auf freier Strecke. Bei Nacht ließ uns eine empfindliche Kühle frösteln. Im Finstern versuchte jeder, sich in der drangvollen Enge hinzuhocken und zu dösen. Tagsüber, im hellen Sonnenschein war es eine herrliche Fahrt. In besonderer Erinnerung ist mir das Lahntal geblieben. Heimelige Dörfer tauchten auf, aus den Schornsteinen kräuselte sich der Rauch. Wälder und Wiesen zogen vorbei, und die Menschen, die auf den Feldern arbeiteten, winkten uns mit Hüten oder bunten Halstüchern zu.
Frieden, dieses Wort drängte sich mir mächtig auf und ein großes Glücksgefühl
durchströmte mich. Auf einmal konnte ich es kaum noch erwarten, zu Hause zu sein.

Aber noch sollte mir ein aufregendes Erlebnis bevorstehen: In der Nähe von Bad Kreuznach hielt unser Zug mitten in der Nacht an. Wir schreckten hoch und blickten hinaus. Im gleißenden Scheinwerferlicht erkannten wir Wachtürme und Stacheldraht und Zelte. Wir hielten unmittelbar neben dem berüchtigten Gefangenenlager Bad Kreuznach, dessen schlechter Ruf uns schon in Norddeutschland bekannt geworden war Was sollten wir hier? Gab es hier den Stempel für die französische Zone?

Bewaffnete Posten liefen am Zug entlang. Hinter dem Stacheldraht sahen wir Landser durch Dreck und Morast stapfen, Pfützen spiegelten das Scheinwerferlicht wieder Ein Posten brüllte zu uns hoch. „Ein Mann aussteigen zum Verpflegungsempfang!“ Da ich vorne an der Tür stand, stieg ich aus. Auch aus den anderen Waggons wurden Leute heraus geholt. Der Posten zählte 25 Mann ab, dann öffnete er das Tor zum Lager Wir stolperten und rutschten auf dem glitschigen Boden zu einer Baracke. Dort bekamen wir Kommisbrote, die in den Wagen zu verteilen waren. Dann hieß es: Raus, einsteigen!“ Wir wateten zurück zum Tor. Plötzlich erkannte ich die Gefahr, die uns drohte: Die Lagerinsassen drängten sich an uns heran: „Mensch, Kumpel, komm, nimm mich mit, schleuss‘ mich ein, das hier ist ein Todeslager, wir verrecken wie die Fliegen!“ Immer wieder versuchte einer, sich in unsere Reihe einzuschmuggeln. Am Tor stand der Posten und zählte laut: Twenty-ane, twentv-two... Mein Herz klopfte wild, ich war der letzte in der Reihe. Würde ich rauskommen? Hatte sich einer aus dem Lager in unsere Reihe eingeschlichen? „Twenty-five!“ Ich spürte den rettenden Schlag auf meiner Schulter, dann brüllte der Posten Stop!‘ Kaum war ich draußen, wurde das Tor geschlossen. Flüche und Verwünschungen wurden uns nach gerufen. Die Kumpel im Lager taten mir leid, trotzdem kletterte ich wie erlöst den Bahndamm hinauf und stieg in meinen Waggon. Kaum war ich drin, ruckte der Zug an, und wir fuhren weiter in Richtung Heimat. Erschöpft setzte ich mich auf meinen alten Tornister.
Auch ein dunkler, kalter Güterwagen kann ein Stück Geborgenheit vermitteln, aber nur langsam fand ich meine Ruhe wieder.
In unserem Waggon waren außer mir noch einige Schwaben. So sehr ich mich zunächst darüber gefreut hatte, so sehr ärgerte ich mich später über sie, als zwei Älbler Krach bekamen. Sie hatten entdeckt, dass sie aus benachbarten Dörfern stammten, und schon beschimpften sie sich heftig, fast wären sie noch handgreiflich geworden. Der ältere von beiden, ein Bauer fing mitten in der Nacht an, Zigaretten anzubieten, das Stück für fünf Mark. Im Nu war er von Rauchern umdrängt und machte ein gutes Geschäft. Ich sehe ihn noch auf dem Boden sitzen, die Mütze auf dem Schoß und im Schein einer Taschenlampe sein Geld zählen. Einer sagte in die Dunkelheit hinein. „Wie kann man nur seinen Kameraden so das Geld abknöpfen!“ Darauf er: „Ich hab‘ kein Preis g ‘macht!“ Diesen Satz wiederholte er noch mehrmals, als längst alle wieder vor sich hindösten. „Ich hab’ kein‘ Preis g ‘macht!“ „Halt die Klappe!“ fuhr ihn einer an; endlich gab er Ruhe, und es war nur noch das monotone Rattern der Räder zu hören.

Im Bahnhof Mannheim hielt der Zug an „Eine Stunde Pause, ihr könnt Euch die Füße vertreten!“ Wir stiegen aus, ich schlenderte den Zug entlang bis zur Lokomotive. Als der Lokführer herausschaute, sprach ich ihn an. „He Kumpel, wo fährst Du mit uns hin?“
Wo willst Du denn hin?“
- „In, die französische Zone!“ Er setzte eine bedenkliche Miene auf: „ich fahr nach Heilbronn ins Lager, dort werden alle aus der französischen Zone ausgesondert, die kommen nach Frankreich in die Kohlegruben. Ich geb’ Dir den guten Rat, hau ab, vielleicht bei Nacht, irgendwo werden wir schon wieder einmal halten. Also mach’s gut und komm gut heim!“ Ich konnte ihm noch dankbar zuwinken, dann wandte er sich seinen Maschinen zu.
Also deshalb die Geschichte mit dem Stempel, wir sollten in eine Falle gelockt werden. Ich war fest entschlossen, in oder bei Mühlacker, dem nächsten Punkt zu meiner Heimat, den Zug zu verlassen, und wenn es sein musste, während der Fahrt. Ich stieg wieder ein. Innerlich war ich sehr angespannt, äußerlich ließ ich mir nichts anmerken.
Endlich, bei Einbruch der Dämmerung, fuhren wir weiter. Heidelberg tauchte auf, nach den vielen hell erleuchteten Fenstern zu schließen, offensichtlich unzerstört. Es wurde Nacht. Wir fuhren durch den in Trümmer liegenden Bahnhof von Bruchsal. Ölbronn, Maulbronn. Hier hatte ich oft die Ferien verbracht; denn hier wohnte mein Vater. Ob er noch lebte, ob er zu Hause war? Der Zug stampfte Mühlacker entgegen. Einen Unterreichenbacher hatte ich eingeweiht und gefragt.‘ „Kommst Du mit?“ Er zögerte, schließlich flüsterte er. ‚ich trau mich nicht, denk an den Stempel!“
Ich stand auf und schlüpfte unter der Türverstrebung durch. Mit der linken Hand hielt ich mich fest, in der rechten hielt ich den Tornister Sollte ich springen? Würde es ohne Verletzung abgehen? Da plötzlich verlangsamte der Zug sein Tempo, dann kreischten die Bremsen, die Puffer schlugen aufeinander, wir hielten. Es war genau 1:30 Uhr Ich sprang hinaus auf den Schotter des Bahnkörpers. Dann lief ich vorsichtig den Zug entlang. Nichts regte sich, in der Dunkelheit war auch kein Wachtposten zu sehen. Das Signal stand auf Halt, daneben dampfte die Lok; auch hier war niemand zu sehen. ich ging einfach weiter, den Schienen nach, und bald sah ich die trüben Lichter des Mühlacker Bahnhofs. Ich stolpere über die Gleise zum Bahnsteig vier. Hinter mir, auf Gleis eins ratterte eben unser Güterzug vorbei. Der Zug nach Pforzheim stand schon da. Ich stieg ein. Sämtliche Wagen waren noch leer
Ich setzte mich in die Ecke eines Abteils und muss sofort eingeschlafen sein; denn als ich wieder zu mir kam, war das Abteil voll besetzt. Wir fuhren bereits. Ich wurde mit Fragen nach dem Woher und Wohin bestürmt. Ein Mann reichte mir ein Stück Brot, eine Frau einen Apfel. Erst jetzt bemerkte ich noch zwei Heimkehrer aus der Gefangenschaft, beide aus Pforzheim und beide ohne Nachricht von zu Hause. Bedrückt erzählten die Mitfahrer von den furchtbaren Zerstörungen durch den schweren Luftangriff vom
23. Februar 1945. Die beiden sahen sich an. Als wir Eutingen, die letzte Station vor Pforzheim passierten, standen sie auf und gingen unruhig hin und her.
Unvergesslich und eigentlich auch unbeschreiblich die Einfahrt in den Bahnhof. Nur Trümmer, so weit das Auge reichte. Der Bahnhof selbst war eine Ruine, ohne Dach. Als der Zug hielt, stürzten die beiden Pforzheimer Heimkehrer aus dem Abteil. Ich sah sie noch den Bahnhofsvorplatz überqueren und in den Trümmern verschwinden. Wie betäubt stieg ich aus und starrte die Ruinen an. Die stattlichen Häuser; die einst den Blick zur Innenstadt versperrt hatten, lagen am Boden, und ich konnte die ganze Stadt überblicken, ohne auch nur ein einziges unzerstörtes Haus zu entdecken.
In der ehemaligen Bahnhofshalle standen Frauen und hielten Bilder hoch. „Kennen Sie meinen Sohn, meinen Mann, meinen Vater? Er war zuletzt in Frankreich. Wo kommen Sie her?“ So und ähnlich wurde ich mit Fragen bestürmt. Leider konnte ich über keinen der Vermissten eine Auskunft geben.
Es war der 14. August 1945. Trotz der frühen Stunde brannte die Sonne bereits heiß. Ich verließ den Bahnhof und ging durch die ehemalige Luisenstraße. Nur ein schmaler Trampelpfad, der sich zwischen Schutthügeln durchschlängelte, erinnerte an die einst breite und verkehrsreiche Straße. Auf einem Schuttberg stand zwischen Brennesseln eine Holztafel: Hier liegt die Familie H... begraben
-
Großeltern, Mutter und vier Kinder. Wenige Schritte weiter; auf einem anderen Schild, las ich: Unter diesen Trümmern liegen alle meine Angehörigen, Unterschrift.
Ich ging langsam und wie im Traum. In der Luft lag ein übler Pesthauch, so dass mir fast schlecht wurde. Ich kannte diesen süßlichen Gestank, er stammte von den Leichen, die unter den Trümmern lagen. Über den Luisenplatz, der nicht wiederzuerkennen war, stolperte ich weiter durch die Innenstadt.
Ein Radfahrer kam mir entgegen. Es war Professor Böckl, mein ehemaliger Physiklehrer aus der Fritz-Todt-Oberschule. Auch er erkannte mich sofort, hielt an und stieg ab. Von ihm erfuhr ich näheres über den Luftangriff und die vielen Toten. Er warnte mich aber auch, nach Neuenbürg zu gehen. Das sei ein gefährliches Pflaster. Pforzheim sei amerikanisch, die Grenze zur französischen Zone verlaufe bei Birkenfeld, und in Neuenbürg sei eine zahlenmäßig starke französische Garnison. Wenn überhaupt, dann solle ich die Straße meiden und den Pionierweg, jenseits der Enz, nehmen. Das hatte ich sowieso vorgehabt. Wir verabschiedeten uns herzlich, er bat mich noch einmal, ja vorsichtig zu sein. Dann bestieg er sein Rad, winkte mir noch einmal zu und fuhr davon.

Bald hatte ich die Ruinen der Stadt hinter mir Die Kühle und die frische Waldluft des schattigen Pionierweges nahmen mich auf Wie herrlich war es, nach der langen Fahrt im Güterwagen und dem deprimierenden Gang durch die zerstörte Stadt, den weichen Waldboden unter den Füßen zu spüren. Auf der rechten Seite rauschte die Enz, links, den Hang hinauf standen Tannen und Fichten. Tief sog ich die würzige Schwarzwaldluft ein; ich war daheim, auch wenn der Weg nach Hause noch vor mir lag.
Kurz vor der Engelsbrander Haltestelle, also wenige Kilometer vor den ersten Häusern und bereits auf französischem Territorium, traf ich auf einen Holzhauerei: Der freundliche Mann sprach mich
an. Er kam aus Engelsbrand. Als er hörte, dass ich nach Neuenbürg wollte, wurde er sehr ernst. Das dürfe ich auf keinen Fall. In Neuenbürg sei beim Einmarsch acht Tage lang gekämpft worden. Wörtlich sagte er: „Dort steht kein Stein mehr auf dem andern!“ Außerdem seien dort 700 Franzosen stationiert, die jeden Heimkehrer sofort nach Frankreich mitnähmen.
Ich war betroffen, aber trotzdem entschlossen, mir Gewissheit zu verschaffen. Der gute Mann wünschte mir Glück, ich aber ging weiter. Nach wenigen hundert Metern überquerte ich das Sträßchen ins Grösseltal. Einige Jahre zuvor hatte ein Wirbelsturm den angrenzenden Wald niedergerissen. Auf der freien Fläche erblickte ich Frauen, die dabei waren, junge Tannen und Fichten zu setzen. Als sie mich sahen, kamen sie alle herbei und umringten mich. Nach den üblichen Fragen, nach dem Woher; brachte ich etwas zaghaft über die Lippen, ich wolle nach Neuenbürg. Ich erwartete die mir schon bekannten Reaktionen, aber nichts dergleichen geschah. Sie sagten nichts, sahen sich auch nicht betroffen an, sondern blickten mir weiterhin freundlich ins Gesicht. Schließlich traute ich mich zu fragen: „Ja, geht das denn überhaupt?“
-
„Warum denn nicht?“ meinte eine der Frauen. „Dort soll doch alles zerstört sein“. Ich gab wieder, was mir der Holzfäller erst wenige Minuten vorher erzählt hatte. Eine meinte: „Ich war gestern in Neuenbürg und habe dort meine Tante besucht, von irgendwelchen Schäden habe ich nichts bemerkt.“ Mir fiel ein Stein vom Herzen, vollends, als sich herausstellte, dass sie in unserem Nachbarhaus gewesen war.
Diese Frau ging sogar mit mir mit, um mir Zivilkleider zu holen; denn das konnten die Kulturarbeiterinnen bestätigen, die Franzosen seien scharf auf die Heimkehrer und würden sie als billige Arbeitskräfte nach Frankreich verfrachten. 

Mich sollten sie nicht kriegen, davon war ich überzeugt.
Nach einer letzten Biegung sah ich zum ersten Mal wieder den vertrauten Schloßberg vor mir liegen. Wir stiegen zum Windhof hinauf, mein Herz klopfte. Als wir oben angekommen waren, konnte ich unser Haus sehen. Während ich mich ins Haus der Bahnbediensteten zurückzog, eilte meine freundliche Begleiterin die Hohlgasse hinunter; um meiner ahnungslosen Großmutter die freudige Nachricht meiner Rückkehr zu melden, und mir mein Konfirmandenjackett zu holen. Bald kam meine Botin zurück. Mantel, Uniformrock, Mütze und Tornister ließ ich im Haus auf dem Windhof zurück. Mein Konfirmationskittel passte mir nur noch mit Mühe und Not, aber es ging. Jetzt erinnerte nur noch die Hose an meine militärische Vergangenheit. Vor dem Haus verabschiedete ich mich dankbar von meiner Helferin. Als ich in die Hohlgasse einbog, sah ich meine Großmutter mit einem großen weißen Leintuch zum Küchenfenster herauswinken.
Eine Schrecksekunde erwartete mich noch: Kaum hatte ich die Straße betreten, als mir in Höhe das Cafe’ Mayer ein französischer Jeep mit drei Offizieren entgegenkam. Sollte ich, 200 Meter von zu Hause weg, doch noch geschnappt werden? Auch der fehlende Stempel fiel mir ein. Aber die Insassen des Autos beachteten mich gar nicht. So kam ich glücklich nach Hause. Alle meine Angehörigen lebten noch, und es war auch nichts zerstört worden. Den ominösen Stempel habe ich dann eineinhalb Jahre später tatsächlich noch bekommen.

Karl Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen

Zum Seitenbeginn

horizontal rule

Gedanken und Erinnerungen zum Totensonntag  

Im November begehen wir den Volkstrauertag und den Tatensonntag. Wir gedenken unserer Verstorbenen und machen uns bewusst, dass sie uns nur vorausgegangen sind auf dem Weg, den wir alle einmal gehen müssen. In meiner frühesten Kindheit in Neuenbürg geschah es hin und wieder, dass eine ältere Frau in schwarzer Kleidung den Hof in der Schlösslestraße betrat und in einem der angrenzenden Häuser verschwand. Nach wenigen Minuten erschien sie wieder und ging in ein anderes Haus. Schließlich kam sie auch zu uns. Meine Großmutter sagte: „d‘ Leichesägere kommt!“ Ich erschrak und fürchtete mich vor der kleinen schwarz gekleideten Frau mit dem blassen, ernsten Gesicht, weil ich glaubte, sie mache sich mit einer Säge an den Toten zu schaffen.

Irgendwann später erfuhr ich, was es für eine Bewandtnis mit dem Ausdruck „Leichesägere“ hatte: damals gab es viele arme Familien. Nicht alle konnten sich den „Enztäler“ leisten und auch nicht alle Hinterbliebenen eine Todesanzeige in die Zeitung setzen lassen, deshalb brauchte man eine „Leichenansagerin“, die im Auftrag der Angehörigen von Haus zu Haus ging, um den jeweiligen Todesfall und die Zeit der Beerdigung mitzuteilen. Aus dem Wort „Leichenansagerin“ war in Neuenbürg das für mich so missverständliche „Leichesägere“ geworden. Auch als ich das begriffen hatte, habe ich die Scheu vor dieser Frau nie ganz verloren. Sie erschien mir wohl als eine Botin des Todes, wie menschlich und persönlich das doch damals noch war.

Den Gang zum Standesamt und Pfarramt und was sonst bei einem Todesfall noch zu erledigen war, nahm die Familie selber vor. Die alten oder kranken Menschen starben in der Regel zu Hause. Dort wurde der Leichnam im Sarg aufgebahrt bis zum Tag der Beerdigung. Familienangehörige, Verwandte, Nachbarn und Freunde konnten von dem Verstorbenen Abschied nehmen. Erst unmittelbar vor der Beerdigung wurde der Sarg verschlossen, damals noch mit Nägeln. Die schrecklichen dumpfen Hammerschläge dröhnten durchs ganze Haus. Dann setzte sich der Leichenzug von der Wohnung aus auf den weiten Weg zum Friedhof in Bewegung.

Heute geht alles anonymer. Zu Hause gibt es in vielen Wohnungen keine Möglichkeit mehr, einen Leichnam aufzubahren. Die meisten Menschen sterben sowieso im Krankenhaus oder Altersheim und kommen umgehend in die Leichenhalle. Die Formalitäten erledigt ein Beerdigungsinstitut. Die Zeiten haben sich geändert. Aber immer noch gilt das Wort aus dem Alten Testamten: „Alles im Leben hat seine Zeit. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit“ (Pred. 3).

Am 11. September, kurz nach 15 Uhr, klingelte bei uns das Telefon. Am Apparat war unser 18-jähriger Enkel: „Macht schnell den Fernseher an, in New York passieren schreckliche Dinge!“ Und er setzte hinzu: „Das wird die Welt verändern!“ Und dann sahen wir, wie so viele Menschen weltweit, was bereits geschehen war und wie plötzlich ein zweites Flugzeug in den anderen Turm des World Trade Center raste. Niemand hätte so etwas bis dahin für möglich gehalten. Was sind das für Menschen, die so etwas tun und dabei selber draufgehen? Sogar im Namen Allahs! Eigentlich unvorstellbar !

Der Schock in Amerika saß tief und wirkt bis heute nach. In den beiden Weltkriegen war keine einzige Bombe auf eine Stadt in den USA gefallen. Was mögen das für Abschiede gewesen sein. wenn diese Ehemänner und Väter nach dem letzten Urlaub wieder an die Front mussten, nach Russland. Wer kann sich noch das Hoffen und Bangen zu Hause vorstellen ? Wie viele Gebete mögen zum Himmel aufgestiegen sein ? Bis dann schließlich doch diese schreckliche Nachricht, „gefallen“ oder „vermisst“ eintraf. Das war in Neuenbürg nicht anders, Wenn ich vor dem Kriegerdenkmal auf der Seilerinsel stehe. dann versuche ich mir das Leid vorzustellen, das mit jedem einzelnen Namen verbunden ist.

Ich gehe in meiner Erinnerung noch weiter zurück: am 01. September 1939, einem wunderbar sonnigen Herbsttag, begann der Zweite Weltkrieg.
Am Vormittag jenes für uns alle so schicksalhaften Tages fuhr ich mit meinem Fahrrad durch die benachbarte llgenstraße. Am Ende dieser Straße befand sich der Lagerplatz des Holzhändlers Wild. Dort versuchten gerade einige Leute einen voll beladenen Wagen wegzuschieben. Herr Wild selbst war dabei mit seiner Tochter Klärle. Ich stieg ab und half mit. Ich erinnere mich, als ob es erst gestern gewesen wäre, an die ernsten Gesichter und Worte der Erwachsenen. Ich dagegen, mit meinen zwölf Jahren, sah das alles ganz anders als sie. Gespannt wartete ich darauf, was jetzt geschehen würde und suchte bereits fleißig den Himmel ab, ob nicht schon die ersten feindlichen Flugzeuge zu sehen wären. Die kamen dann nur wenige Jahre später, mehr als wir es je gedacht hatten. Wir Älteren erinnern uns an das bange Gefühl, wenn die feindlichen Bomber bei Tag ihre weißen Kondensstreifen über den Himmel zogen, und wenn bei Nacht das Dröhnen ihrer Motoren die Fensterscheiben erzittern ließ.
An jenem ersten Kriegstag war ich selbstverständlich davon überzeugt, dass wir den Krieg gewinnen würden. Und nicht entfernt dachte ich daran, dass ich auch noch als Soldat an die Front ziehen müsste. In der Anfangszeit des Krieges herrschte bei uns Jugendlichen Begeisterung. Täglich warteten wir auf die Sondermeldungen im Radio. In meinem Atlas malte ich um die in Polen eroberten Städte, deren Namen ich vorher noch nie gehört hatte, einen roten Kreis. Und in der Schule steckten wir auf einer großen Europakarte Fähnchen oder Stecknadeln, die den Vormarsch der deutschen Truppen markierten. Bald gab es auch die ersten Kriegshelden, die unsere Idole wurden, den Jagdfliger Werner Mödlers und den UBoot-Kommandanten Günther Prien, der als „Held von Scapa Flow“ verehrt wurde. Ich überlege mir, was wir damals eigentlich gelesen haben. Natürlich immer noch Karl May. Aber Winnetou und Old Shatterhand, Hadschi Halef Omar und Kara ben Nemsi traten doch mehr und mehr in den Hintergrund zugunsten von Kriegsbüchern und dem täglichen Wehrmachtsbericht. In der Schule lasen wir mit dem Lehrer gemeinsam eine reich bebilderte Illustrierte mit dem Titel „Adler“. Das für uns besonders Interessante lag darin, dass wir diese Zeitschrift in englischer Sprache vorliegen haften. Es drehte sich dabei alles um die deutsche Luftwaffe.
Bald aber erschienen die ersten Todesanzeigen in den Tageszeitungen: „Gefallen für Führer, Volk und Vaterland“.  Einige Male las ich auch den Satz: „In stolzer, würdiger Trauer“ und dann folgten die Namen der Angehörigen. Aber mit zunehmender Kriegsdauer hieß es nur noch „in tiefem Leid“ oder „in unsagbarem Schmerz“.
So sind wir nach und nach in die Schrecken des Krieges hineingewachsen bis hin zu den verheerenden Luftangriffen auf unsere Städte. Die furchtbaren Ereignisse von New York mit mehr als 5.000 Toten spielten sich über das Fernsehen vor den Augen der ganzen Welt ab. Als bei uns gegen Kriegsende eine Stadt um die andere in Feuerstürmen unterging, wurde das als etwas Alltägliches zur Kenntnis genommen, es sei denn, man war unmittelbar betroffen. Die fast völlige Vernichtung Pforzheims, mit annähernd 20.000 Toten, war dem deutschen Wehrmachtsbericht einen einzigen Satz wert. Ich habe ihn zufällig in einer Kaserne in Wilhelmshaven gehört: „In den gestrigen Abendstunden richteten britische Bomber einen schweren Terrorangriff gegen die Stadt Pforzheim; es gab hohe Verluste unter der Zivilbevölkerung.“

Inzwischen sind Jahrzehnte vergangen. Bis zum 11 . September diesen Jahres haben wir uns nach so vielen Jahren des Friedens in Sicherheit gewiegt. Aber nun ist der Krieg zurückgekommen, und zwar in einer bisher unbekannten Form. Weltweit lauert das Böse. Viele unter uns, auch viele Kinder, haben Angst, seit die Schreckensbilder von New York über die Bildschirme geflimmert sind. Wie sollen wir damit umgehen ?

Es hat mich sehr beeindruckt, wie sich die Bevölkerung in USA unmittelbar nach dem Schock an Gott wandte in Gottesdiensten und in ihren Gebeten. Sie taten es öffentlich, ohne Hemmungen, bis hinauf zum Präsidenten und der gesamten Regierung. Es blieb einem deutschen Zeitungsschreiber vorbehalten zu bemerken, diese öffentliche Hinwendung zu Gott sei bei uns in Europa, speziell in Deutschland, doch „eher befremdlich“. Stimmt das wirklich ? Wollen wir hier bei uns angesichts einer solchen Katastrophe und der weiterhin bestehenden weltweiten Bedrohung ohne Gott klar kommen ? Fast scheint es so. Allerdings gab es auch bei uns spontane ökumenische Gottesdienste in den Kirchen und im Freien. Unvergesslich, wie die Spieler von Schalke 04 und Borussia Dortmund vor dem Spiel im Parkstadion an der Mittellinie einen Kreis bildeten, sich an den Händen fassten und der Toten gedachten. Die Verantwortlichen der beiden Vereine hatten sich zuvor zu einem ökumenischen Gottesdienst in der Kapelle beim Stadion zusammengefunden. Schöne Zeichen der Teilnahme und auch der Besinnung. Aber wie wird es weitergehen ?

Es gibt nicht nur den weltweiten Terror, sondern auch eine seit Jahren wachsende Kriminalität bei uns. An einem einfachen Vergleich lässt sich das verdeutlichen: wenn in meiner Jugendzeit ein Mann im Wald Holz machte, konnte seine Frau die acht - oder zwölfjährige Tochter alleine losschicken, damit sie dem Vater etwas zu essen brachte. Heutzutage wäre das unverantwortlich !

Vor einigen Wochen trafen wir uns zu einer kleinen Familienfeier im Schwarzwald. Unmittelbar neben dem Gasthaus, mitten im Ort, liegt ein schöner Kinderspielplatz. Wir wagten es nicht, unsere siebenjährige Enkelin allein, ohne Aufsicht durch einen Erwachsenen dort spielen zu lassen. Die Verbrechen, gerade an Kindern, haben in erschreckender Weise zugenommen.

Die guten Jahre des Friedens haben dazu geführt, dass Gott bei vielen Menschen vergessen wurde. Je mehr sich aber unsere Gesellschaft von ihren christlichen Wurzeln entfernt, je weniger die Gebote Gottes beachtet und ernst genommen werden, umso niedriger wird bei uns Menschen die Hemmschwelle, etwas Böses zu tun. Eine Besserung der Verhältnisse wird es nur geben, wenn wir zu den christlichen Grundlagen unserer abendländischen Kultur zurückkehren.

Immer wieder konnte man hören und lesen, durch die Ereignisse von New York und die damit verbundene weltweite Bedrohung durch den Terrorismus, sei unsere „Spaßgesellschaft“ zu Ende gegangen. Wirklich ? Ist der Schock vom 11. September nicht bei vielen schon wieder vergessen ? Genau zwei Monate später, am 11. November, wurde die Faschingssaison eröffnet, genau so wie in jedem Jahr. als ob nichts geschehen wäre.

Was können wir tun? Auf die große Weltpolitik haben wir keine direkten Einfluss. Da können wir nur beten, dass Gott die Herzen und den Verstand der führenden Politiker erleuchtet, dass die planen und durchführen, was dem Frieden dient. In unserem eigenen Lebenskreis, in der kleinen Welt, in der wir leben, können wir viel tun, indem wir uns im Zusammenleben untereinander an den christlichen Grundwerten orientieren. Oberstes Gebot bleibt die Nächstenliebe, wie sie Jesus Christus gelehrt und vorgelebt hat. Gott hat uns als Menschen mit Verantwortung füreinander geschaffen. Solange wir hier noch auf dieser Erde leben, sollen und dürfen wir einander Gutes tun.

Wenden wir unsere Gedanken noch einmal dem Totensonntag zu: allen, die um einen lieben Menschen trauern, gilt das Wort Jesu aus der Bergpredigt: „Selig sind die Leidtragenden; denn sie sollen getröstet werden“ (Matth. 5, Vers 4). Im Blick auf unser eigenes Leben und Sterben wollen wir uns an das Wort aus Psalm 37 halten: „Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird‘s wohl machen“.

Karl Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen

Zum Seitenbeginn

horizontal rule

Gedanken und Erinnerungen zur Advents- und Weihnachtszeit.

Ist es Ihnen auch schon aufgefallen, dass es zwischen den Jahreszeiten keinen gleitenden Übergang mehr gibt ? Der schöne Sommer dieses Jahres ging am 28. August mit einem Temperatursturz von 18 Grad schlagartig zu Ende. Seit Jahren beobachte ich diese Entwicklung. Ob das auch mit der globalen Klimaveränderung zusammenhängt ? Jetzt, da ich dies schreibe, ist Ende November. Draußen schneit es bei völliger Windstille. Große Flocken schweben vom Himmel und legen sich auf Bäume und Sträucher, Dächer und Straßen. Fast in jedem Jahr gibt es diesen ersten Vorstoß des Winters im November. Früher blieb der Schnee meist liegen, aber in den vergangenen Jahren verschwand er so schnell wie er gekommen war und an Weihnachten herrschte nasskaltes, nebliges Schmuddelwetter. Über weiße Weihnachten würden sich ja nicht nur die Kinder freuen. Wie still es ist, wenn Schnee fällt und die Natur einhüllt. Bei uns ums Haus her hört man keinen Laut. Aber ich weiß, dass nur wenige hundert Meter entfernt, auf der B 28, die Autos mit Schnee und Eis kämpfen und die Räum- und Streudienste pausenlos im Einsatz sind. In meiner Jugendzeit in Neuenbürg wurde der erste Schnee von uns Kindern jubelnd begrüßt, von den Erwachsenen als selbstverständliche Begleiterscheinung des Winters gelassen hingenommen. Heutzutage gilt der Schnee in erster Linie als lästiges Übel, das so schnell wie möglich beseitigt werden muss. Den Unterschied zu damals kann man sich leicht klarmachen: versuchen Sie sich einmal vorzustellen, der hölzerne pferdebespannte Schneepflug des Fuhrmanns Schleeh müsste hier bei uns die B 28 räumen oder in Neuenbürg die Wildbader Straße. Heute bleibt an den Straßenrändern eine schmutzige graue Mischung aus Schneeresten, Salz, kleinen Steinchen und Dreck liegen. Damals blieb der Schnee den ganzen Winter über weiß, auch im Städtle. An vielen Stellen gab es eine „Schleifetze“, und wo immer es den Berg hinauf ging, wurde Schlitten gefahren. 

Der Winter war einst eine ruhige Jahreszeit. In einem stimmungsvollen Gedicht von Rainer Maria Rilke heißt es:  wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben, wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben. Das stimmt schon lange nicht mehr. Den ganzen Winter hindurch werden Häuser gebaut. In meiner Jugendzeit ruhten die tief verschneiten Baustellen. Zu dem von Rilke erwähnten Lesen: meine Großeltern saßen an den langen Winterabenden in der warmen Küche, um zu lesen, zum Beispiel „Reich in Gott“ von Helene Hübner oder „Das graue Haus“ von Else Ury. Sie kannten den Inhalt schon längst, aber sie erfreuten sich jedes Jahr aufs Neue daran. Wer liest heute noch ? Fernsehen ist doch bequemer und bunter. Wer setzt sich noch hin und schreibt die vom Dichter Rilke erwähnten „langen Briefe ?“ Telefonieren geht ja viel schneller und schon Kinder lernen frühzeitig, mit einem Handy umzugehen. Wie schön war es einst, in der Advents- und Weihnachtszeit, nach Einbruch der Dämmerung durchs Städtle zu gehen: auf dem Marktplatz erstrahlten die Kerzen einer schönen großen Weihnachtstanne. Aus den Fenstern der Wohnungen fiel warmer Lampenschein auf die Straße, und in den Schaufenstern lagen festlich geschmückte Auslagen. Zwei dieser Schaufenster zogen uns Kinder besonders an: das eine bei Dreher-Weik mit seinem für die damalige Zeit reichhaltigen Angebot an Spielsachen, das andere im Kaufhaus Göckelmann, wo als Blickfang eine Eisenbahn ihre Runden drehte. War es dann vollends Nacht geworden, funkelten die Sterne herab, ungetrübt durch Abgase und sonstige Luftverschmutzung. Einen so herrlichen Sternenhimmel wird es in unseren Breiten nie mehr geben. Ich sehne mich manchmal zurück in jene längst vergangene Zeit, obwohl es Jahre eines einfachen Lebens waren, vielleicht gerade deshalb. Die vorweihnachtliche Hektik, die bereits Mitte November einsetzt und viele Menschen bis zur Erschöpfung antreibt, war damals unbekannt.

Am 06. Dezember kam der Pelzmärte (von einem Nikolaus wussten wir noch nichts). Dieser gutmütige Waldschrat erschien mit großem Gepolter, manchmal schleifte er, wenn er die Treppe herauf kam, eine Kette rasselnd hinter sich her. Stets trug er einen großen Sack, der kleine Geschenke enthielt. Die Rute in seiner Hand war gleichsam das Zeichen seiner Würde und verhieß nichts Gutes. Manche Eltern drohten ihren Sprösslingen, wenn sie nicht folgen wollten: „Wart na, i sag‘s dem Pelzmärte, der steckt di in sein große Sack !“ Aus heutiger Sicht war das pädagogisch nicht so gut, aber ich glaube, in manchen Fällen hat es doch geholfen. 

Ich habe schöne Erinnerungen an Weihnachten. Einen Christbaum hatten wir jedes Jahr. Das Hantieren mit Säge und Beil, um den Baum in den eisernen Fuß einzupassen, das anschließende Schmücken mit den altvertrauten Glaskugeln, mit Kerzen und Lametta nährte in mir die große Vorfreude auf den Heiligen Abend. Meine Eisenbahn, Spur Null, die Lokomotive mit einem Uhrwerk zum Aufziehen, durfte ich schon vorher aufbauen. Im Jahr 1937 lagen unter dem Baum ein Paar einfache Holzschier, ohne Stahlkanten, aber mit Kabelzugbindung. Schistiefel besaß ich keine. Deshalb nagelte mein Großvater kleine Lederstückchen an die Absätze meiner Straßenschuhe, damit ich nicht ständig aus der Bindung rutschte. Richtig gelernt habe ich das Schifahren seiner Zeit nicht. Wir fuhren einfach wild drauflos, am liebsten auf der schnellen und ab und zu auch gefährlichen Schlittenbahn beim Auto König, wo wir uns eine Schanze gebaut hatten. Mit diesen Schiern war ich glücklich bis zu dem Tag im Winter 1941 auf 1942, als ich sie bei der sogenannten Hermann-Göring-Spende „freiwillig“ abliefern musste.

Als Junge habe ich gerne und viel gelesen; deshalb freute ich mich an Weihnachten über ein Buch, möglichst einen Band Karl May. Auch Kriegsspielzeug habe ich von der Verwandtschaft bekommen, Soldaten und Schützengräben. Waffen und Uniformen waren exakt nachgebildet, die Franzosen in roten Hosen und blauen Jacken, die Deutschen in Feldgrau, die Engländer in khakifarbener Montur mit flachen Stahlhelmen. Wenn ich dann eine Kampfszene, so wie ich sie mir damals vorstellte, aufgebaut hatte, versäumte mein Vater nicht zu betonen, dass die Engländer gegen die er im Ersten Weltkrieg gekämpft hatte, gute und sehr tapfere Soldaten gewesen seien.

Mein aller erstes größeres Weihnachtsgeschenk besitze ich heute noch. Es ist siebzig Jahre alt und steht auf unserem Speicher. Es handelt sich um einen Schlitten, einen „Davoser“. Als er unter dem Christbaum stand, lebte meine Mutter noch. Sie schrieb mit schwarzer Tusche meinen Namen auf die Unterseite. Wie viele schöne Erlebnisse habe ich mit diesem Schlitten gehabt, vor allem auf unserer „Hausstrecke“, beim Auto König. Diese steile und bei Vereisung schwierige Bahn lag den ganzen Winter über im Schatten, und so konnten wir bis ins Frühjahr hinein schlittenfahren. Später, als ich Schlittschuhe besaß, zogen wir mehr zur Waldrennacher Steige. Das war die längste Strecke, und man erreichte zu Dritt auf dem Schlitten eine hohe Geschwindigkeit. Ich saß vorne und lenkte. Heute noch kann ich das Kribbeln im Bauch nachempfinden, wenn wir vom Markstein aus herunterfuhren. Wo links der Wald aufhörte, erreichte man bereits das volle Tempo. Jeder auf dem Schlitten wusste, dass die gefährlichste Stelle, unten, bei der Röck‘schen Villa, noch vor uns lag. Dort bei den sogenannten Donauwellen, standen auch immer Zuschauer, denn an diesem zerfurchten und buckeligen Ende der Bahn ereigneten sich immer wieder schwere Stürze. Auch mich und meine Mitfahrer hat es einige Male erwischt, aber es ging, Gott sei Dank, stets ohne ernstliche Verletzungen ab. Auch der Schlitten überstand sämtliche Unfälle ohne jeden Schaden.

Und dieser Schlitten hat die Zeiten überdauert. Unsere Kinder und Enkel sind mit ihm gefahren. Seit einigen Jahren aber steht er auf dem Speicher. Es gibt inzwischen bessere Schlitten, dafür aber kaum noch eine gute Schlittenbahn. So eine optimale Strecke wie einst die Waldrennacher Steige wird man heute vergeblich suchen. Neulich kam mir dieser alte Schlitten auf dem Speicher in die Quere. Nachdenklich habe ich ihn betrachtet. Ich drehte ihn um. Die Kufen sind verrostet, aber die Schrift, mit der ihn meine früh verstorbene Mutter gezeichnet hatte, ist noch gut zu lesen „Landjäger Baumann“ steht dort.
Vermutlich sollte der Hinweis auf den Beruf meines Vaters dafür sorgen, dass der kostbare Schlitten nicht vertauscht oder gar gestohlen würde. Inzwischen ist er 70 Jahre alt geworden, fast so alt wie ich. Ich stellte ihn wieder in die Ecke. So lange ich lebe, kann er da oben unter dem Dach liegen bleiben und von längst vergangenen Zeiten träumen. Irgend jemand wird ihn irgendwann entsorgen.

Der Beruf meines Vaters weckt in mir noch andere Erinnerungen: Landjäger, so lautete damals die Berufsbezeichnung der Polizeibeamten. In Neuenbürg waren, außer meinem Vater die Herren Appold, Rieger, Rieker und Seeger stationiert. Um die beiden fast gleichnamigen Rieger und Rieker nicht zu verwechseln, sprachen die Kollegen untereinander nur vom „G“ und vom „K“. Das hörte sich dann so an: „Der K geht morgen auf Nachtstreife, und der G hat Bereitschaftsdienst. Das Stationskommando lag neben dem großen Gebäude, ein liebenswürdiger älterer Herr, der zu den durchweg weitaus jüngeren Landjägern ein väterliches Verhältnis pflegte. Von ihm waren einige Aussprüche im Umlauf. An zwei kann ich mich erinnern. Bei einem Einbruch habe er stets gefragt; „Habbe se Leitere g‘habt?“ Bei der Suche nach einem flüchtigen Delinquenten soll er zu den umstehenden Leuten gesagt haben „Wenn se saget, wo er isch, no habbe m‘r ihn glei!“

Die Aufgaben der damaligen Landjäger lassen sich mit der Dienst eines Polizeibeamten von heute nicht mehr vergleichen. Alle Dienstgänge wurden zu Fuß oder mit dem Fahrrad unternommen. Wenn mein Vater „auf Nachtstreife“ musste ging er abends allein durch den Wald über die Misseben nach Schwann oder Dennach, kontrollierte die Gasthäuser und sah auch nach, ob alles friedlich und in Ordnung war. Erst gegen Morgen kam er dann nach Hause. Die Landjäger haben damals viel Sport getrieben. Rieker mit K war eine Sportskanone, er sprang beim Weitsprung über sechs Meter weit. Auch mein Vater war ein sehr guter Leichtathlet. Die Wettkämpfe fanden auf dem Turnplatz statt, die Kurzstreckenläufe auf der Straße neben dem Turnplatz. Auch an Staffelläufe erinnere ich mich. Leider weiß ich nicht mehr, gegen wen die Landjäger ihre Wettkämpfe ausgetragen haben; vielleicht gibt es in Neuenbürg jemand, der sich hier noch besser als ich erinnern kann.

Mein Vater erklärte bis zu seinem Tod in hohem Alter, die Zeit in Neuenbürg sei die schönste seiner gesamten Dienstzeit gewesen. Mit großer Hochachtung sprach er lebenslang von seinem Kommandanten Gröner. An Weihnachten richtete die Frau des Kommandanten, seine geliebte Mina, einen Gabentisch. Und dann habe der Kommandant seine Landjäger beschert. Nicht wie ein Vorgesetzter, sondern wie ein Vater seine Kinder.

Diese Männer sind alle längst gestorben, auch mein Vater. Aber das Andenken an diese korrekten und doch freundlichen Beamten steht nicht nur bei mir, sondern auch bei anderen älteren Neuenbürger in Ehren.

Kehren wir zurück in die Gegenwart: es ist schwierig geworden, Kindern oder Enkeln etwas zu schenken, über das sie sich freuen, weil sie in der Regel schon alles haben. Es ist auch schwieriger geworden als früher, die Feiertage besinnlich zu begehen, weil wir so viele Möglichkeiten der Ablenkung und Zerstreuung haben und so wenig Zeit für uns selbst und für einander.

Wie schön und auch hilfreich wäre es, wenn wir an Weihnachten und am Jahreswechsel äußerlich und innerlich zur  Ruhe kommen könnten, wenn wir Zeit fänden zu Einkehr und Besinnung auf das Wesentliche, die Geburt des Heilandes Jesus Christus und die Botschaft des Friedens in einer friedlosen Welt. Das wünsche ich Ihnen und mir, dass wir Zeit haben für uns selber und füreinander. Zeit für gute Gespräche, für einen Brief, einen Besuch, für ein fröhliches Zusammensein im Kreis der Familie oder mit Freunden.

In diesem Sinne wünsche ich allen Lesern ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein gutes Neues Jahr 2002 !

Karl Baumann, Belchenstr 3, 71131 Jettingen

Zum Seitenbeginn

Erinnerungen an meine Kinder- und Jugendzeit in Neuenbürg (Weihnachten 2002)

Je älter ich werde, umso deutlicher treten die Erinnerungen an meine früheste Jugendzeit hervor. Deshalb fahre ich auch immer wieder einmal gerne nach Neuenbürg. Dort bin ich aufgewachsen, in der Schlösslestraße 19.

Solange meine Großeltern noch lebten, besuchten wir sie mit unseren Kindern und kamen so auch immer wieder ins Städtle. Vor allem das Schlosswäldle hatte es ihnen angetan, und sie erinnern sich gerne daran, wie wir auf der Mauer der Ruine herumkletterten oder im Herbst Esskastanien suchten. Seit einigen Jahren sind nun auch schon unsere Enkel dabei. Im Unterschied zu früher, darf man jetzt die Hintere Schlosssteige hinauffahren und beim Schloss parken. Wenn wir vor dem Schloss stehen, zeige ich ihnen das Torhäuschen. Im obersten Raum, dem so genannten „Juhe“, saßen wir als Pimpfe des Jungvolks bei Heimnachmittagen. Ich erinnere mich vor allem an den herrlichen Blick von da oben übers Städtle. Das Schloss selber durften wir einst nicht betreten, nur den Schlosshof. Die bewohnbaren Räume waren alle belegt durch das Forstamt, den Forstmeister und den Leiter der Oberschule, Dr. Köpf. Durch ihn habe ich das Schloss während des Krieges ein oder zwei Mal betreten. Mit einigen Schulkameraden mussten wir Sandtüten füllen und auf den Speicher tragen. Was heute unverständlich erscheint, war damals Bürgerpflicht. In jedem Haus sollte auf den Speichern eine Anzahl solcher Sandtüten stehen, um eventuelle Brandbomben zu ersticken. Phosphor lässt sich nicht mit Wasser löschen. Das hatte uns Dr. Köpf im Unterricht eindrucksvoll demonstriert: er warf im Beisein der ganzen Klasse von der Brücke beim Schulhaus brennenden Phosphor ins Wasser. Dieser brannte auf dem Grund hell leuchtend weiter.

Wie schön ist alles geworden ! Der Innenhof mit dem Eingangsbereich auf der Rückseite, das Museum, das Hotel. Meiner Frau und mir hat es besonders der Schlossgarten angetan. Wenn ich ihn betrete, zuckt in mir immer noch das Gefühl hoch: da darf ich doch nicht hinein. Denn zu meiner Jugendzeit war der Schlossgarten eine absolute Tabuzone. Die Schlossbewohner hatten dort Kartoffeln und Gemüse angebaut. Der einzige Zugang bei der Ruine war mit einem hohen Tor aus Zaunlatten verriegelt.

Umso schöner und interessanter fanden wir als Kinder die Ruine. Damals war der Keller noch nicht zugeschüttet. Er wirkte geheimnisvoll und regte unsere Fantasie an: begann hier etwa der Gang, der unter der Enz hindurch bis zur Waldenburg führte, wie die Sage erzählte?
Auf der Südseite der Ruine, rechts vom Eingang, dicht an der Mauer, steht ein alter Baumstumpf. Auf dem saß ich immer wieder im Jahr 1948 und habe hebräische Wörter für mein Studium erlernt. Unter Moos und Gras ist er kaum noch zu erkennen. Aber wenn ich vorbeikomme, grüße ich ihn wie einen alten Bekannten.

Wer immer mit mir das Schloss besucht, Familie, Freunde, Schulkameraden, Ruhestandskollegen, mit denen streife ich auch durchs Schlosswäldle. Auch hier hat sich einiges verändert: früher standen viel mehr Bäume, vor allem auf der Südseite. Die Wege sind breiter geworden, mancher alte Pfad verrammelt. Aber es ist immer noch schön. Neulich war unsere achtjährige Enkelin dabei. Begeistert rannte sie immer wieder voraus, um etwas Interessantes zu entdecken. Als ich das Kind so leichtfüßig hin und her springen sah, dachte ich wehmütig: so war es auch einmal bei mir. Heute geht‘s gemächlicher. Wir Alten sind froh und dankbar wenn wir solche Wege überhaupt noch begehen können.

Anschließend fuhren wir ins Vorstädlle. Ich stellte das Auto unter den schönen alten Bäumen ab, wo früher der Fuhrmann Dieter seine Fuhrwerke stehen hatte. Von hier aus sind es nur wenige Schritte zur Flößerstraße. Wo sie beginnt, steht an der Ecke zum Kohlbergle ein großes altes Haus. In ihm ist meine Großmutter Luise Wahl vor 120 Jahren aufgewachsen.

In dem steinernen Brunnen wurde in jener Zeit, als es noch keine Wasserleitungen gab, das Wasser für den täglichen Bedarf geholt. Die Kinder sprangen beim Spielen über den Brunnentrog. Dabei fiel meine Großmutter mitsamt den Kleidern einmal hinein, was ihr zu Hause großen Ärger einbrachte. Zu meiner Jugendzeit lief der Brunnen noch, heute ist er stillgelegt und im Sommer schön mit Blumen geschmückt.

Wir gingen das Kohlbergle hinauf, das eigentlich Oberer Sägerweg heißt. Im Winter war dieses schattige Gässchen oft eine einzige Eisrassel, auf der wir Kinder in hohem Tempo und nicht ungefährlicher Fahrt hinunterflitzten, bis weit in die Flößerstraße hinein. Auf der rechten Seite lag der Laden von Mettlers, weiter oben auf der linken Seite wohnte der Milchfuhrmann Wentsch. Gegenüber befand sich der Stall für sein Pferd, das damals stadtbekannte “Wentschegäule“. Manchmal schaute es zum Fenster seines Stalles heraus. Wir Kinder hatten großen Respekt vor ihm. Wenn Herr Wentsch die Milch ausfuhr, erinnerte sich das ehemalige Traberpferd vermutlich hin und wieder an seine sportliche Vergangenheit. Vor allem durch die Turnstraße, an der ehemaligen Bügeleisenfabrik vorbei, kam es in hohem Tempo mit hoch erhabenem Kopf angeprescht. Sobald wir den schnellen Takt seiner Hufe und das Scheppern der Milchkannen hörten, brauchte nur noch einer zu schreien “s Wentschegäule kommt!“ und schon suchten wir das Weite.

Ein Stückchen weiter oben im Kohlbergle, wo der Weg eben wird, lag auf der rechten Seite unser Garten “am Hinteren Berg“. Hier habe ich, vor allem während der Ferien, viele Stunden verbracht. Aber nicht, um im Gras zu liegen. Damals wurde im Garten nur “geschafft“. Ich habe es gerne gemacht. Meiner Graßmutter wurde dieser Garten im Sommer 1935 zum Verhängnis. Sie wollte noch schnell eine Schüssel voll rote Träuble für einen Kuchen holen. Auf nassem Boden in dem steil ansteigenden Gelände rutschte sie aus, stürzte und zog sich einen komplizierten Beinbruch zu, der sie für 19 Wochen ins Krankenhaus brachte. Sie konnte nie wieder richtig gehen.

Direkt unter unserem Garten standen die Garagen der Postfahrzeuge, später hatten hier die “Telegräfler“ ihr Lager. Auf dem Platz davor haben wir manchmal Fußball gespielt. Ein Stückchen weiter auf dem Weg lag links der Garten vom Auto-König. Das weiß ich deshalb noch so genau, weil am Zaun ein stattlicher Geißhirtlesbaum stand. Die Freude war groß, wenn man einige der köstlichen Früchte fand. Auf der rechten Seite, am Ende des Oberen Sägerwegs, befand sich der Garten der Familie Steinmetz. Ein wahres Schmuckstück. Was haben sich diese beiden älteren Leute Mühe gegeben, ihren Garten zu pflegen. Ich kannte das freundliche Ehepaar gut, das im Haus meines Schulkameraden Theo Held an der Waldrennacher Steige wohnte. Hier endet der Obere Sägerweg.

Von rechts kommt die steile Steige vom Panoramaweg herunter. Hier standen damals drei mächtige alte Fichten, davor eine Ruhebank, die von älteren Leuten gern aufgesucht wurde. Dieser Platz hieß früher “beim Wiedofen“. Hier wurden einst im Winterhalbjahr die Wieden, kleine Fichten- oder Tannenstämmchen gebrannt und gedreht, mit denen dann die Flößer ihre Flöze zusammenbanden. Lang, lang ist‘s her. Jene Zeit ist für immer vorbei. Es gibt keine Flößer und keinen Wiedofen mehr. An der Stelle der Bäume stehen heute nüchterne Garagen. Ob es das Schimpfwort “Du Flozwied“ noch gibt?

Wenn ich an diesem Platz stehe, dann denke ich an die rasanten Schlitten- und Schifahrten zurück, die uns dieser steile Weg vom Panoramaweg herunter bot. Wenn die Strecke sehr vereist war, konnte es geschehen, dass hin und wieder jemand die Kurve nicht bekam und am Zaun des Hühnergartens oder an Vischers Hauseck landete. Mit Erich Vischer verband mich eine gute Freundschaft. Er war zwei Jahre älter als ich. Als er in die zweite Klasse kam, wurde ich eingeschult und bekam sein Lesebuch. Ich besitze es heute noch. Vorne steht sein Name drin, er selbst ist schon seit Jahren tot. Wie sein Vater war auch Erich in allen handwerklichen Dingen sehr geschickt und ein großer Bastler. In Vischers Hof haben wir uns ein Häusle gebaut. das so dicht war dass es auch dem stärksten Regen standhielt.

Aber es gibt auch eine unangenehme Erinnerung: die Familie Vischer hielt sich Hühner und einen stattlichen weißen Hahn mit knallrotem Kamm. Dieser aggressive Mistkratzer griff nicht nur Kinder, sondern auch Erwachsene an. Auf mich hatte er es besonders abgesehen. Fast täglich schickten mich meine Großeltern im Sommer und Herbst in den Garten am Hinteren Berg. Jedes Mal musste ich an Vischers Hühnerhof vorbei. Der Gockler schaffte es immer wieder, den hohen Zaun zu überfliegen. Wenn ich über die Brücke bei der Metzgerei Aldinger kam, sah ich ihn schon von weitem, und er mich auch. Ich hielt mich so weit wie möglich rechts beim Auto-König. Auf der anderen Seite stand er, unbeweglich und starrte zu mir her. Er hob langsam, wie in Zeitlupe, einen Fuß hoch und setzte ihn wieder hin. Sobald ich mich auf gleicher Höhe mit ihm befand, machte er einen langen Hals und plusterte sich auf, dass sein Kamm wackelte. Wenn ich vorsichtig, um ihn ja nicht zu reizen, nach rechts, Richtung Kohlbergle einbog und ihm den Rücken zukehrte, setzte er sich sofort in Bewegung hinter mir her. Ich rannte los, so schnell ich konnte. Ich war ein guter Läufer, aber er war schneller. Halb auf dem Boden, halb in der Luft fegte er, wild mit den Flügeln schlagend, hinter mir her und versuchte, mich in meine bloßen Waden zu hacken. Dabei schrie er, dass es mir durch Mark und Bein ging. Erst kurz vor unserem Gartentor ließ er von mir ab und rannte zurück. Unterwegs blieb er stehen und schaute nochmals in meine Richtung als wollte er sagen: “Wart‘ na Bürschle, Du kommsch au wieder z‘rück!“ Eines Tages trieb er es zu weit: bei der Bank am Wiedofen sprang er einem kleinen Kind, das dort spielte, blitzschnell von hinten auf den Rücken und hackte ihm beide Ohren blutig: ich war zufällig in der Nähe und habe es beobachtet. Er musste sterben. Herr Vischer nahm die Exekution auf einem Hackklotz mit dem Beil vor. Der stolze Hahn wehrte sich bis zuletzt. Er versetzte Herrn Vischer mehrere Schnabel­hiebe, so dass er an beiden Unterarmen blutete. Als endlich der Kopf ob war rannte und flatterte das tote Tier noch einige Meter davon, bis es zu Boden fiel.

Zurück zu unserem Spaziergang. Vom Platz des ehemaligen Wiedofens aus sieht man das Haus meiner Großeltern, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Kinder und Enkel wollten alles genau wissen. Aber nur das Obergeschoss ist noch so erhalten wie einst. Das Erdgeschoss musste einem Kühlhaus der Metzgerei Aldinger weichen, Auch der schöne Garten zwischen Haus und Kanal ist verschwunden. Zur Brücke, mit der die Schlösslestraße beginnt, ist es nicht weit. Als Kind bin ich oft auf dieser Brücke gestanden, wenn Dutzende von Schwalben über dem Kanal nach Mücken und anderen Insekten jagten. Ich bewunderte ihre Geschicklichkeit, wenn sie sich im letzten Moment über das massive Brückengeländer schwangen.

Fünfzig Meter weiter ging es in den “Hof“ hinein. Um diesen Hof her standen einige Häuser in dem einen wohnten wir, in den anderen meine Spielkameraden. Am Hofeingang lag der “Konsum“, das ehemalige Gasthaus “Anker“. Im Treppenhaus war noch ein schönes Mosaik mit einem Anker zu sehen. Gegenüber vom Konsum, hinter dem Zaun der Bügeleisenfabrik, stand ein Wodelbirnbaum. Wadelbirnen? Gibt es diese Sorte heute noch? Es handelte sich um längliche Früchte mit kräftigen Farben, die eine Seite rot, die andere gelb. Wir waren scharf auf diese Birnen, obwohl man sie kaum essen konnte. Sie zogen einem den Mund zusammen und würgten beim Schlucken. Erst wenn sie von Edelfäule befallen waren, wir nannten es “teigig“, sollen sie genießbar gewesen sein. Aber so alt wurden sie bei uns nicht. Wir würgten sie hinunter, und wenn wir noch so worgsen mussten.

Vor mir liegt eine Aufnahme aus dem Jahr 1935, sie ist vom Panoramaweg aus gemacht. Darauf ist dieser Baum deutlich zu sehen. Wenn ich dieses alte Bild betrachte, steigen viele Erinnerungen auf. Ich sehe hinter der Enzbrücke auf der linken Seite das Haus von Bäcker-Mayer mit Café genüber die Schreinerei Keck. Auch da ist am Zaun ein Baum zu sehen, ich glaube, es war eine Blaufichte. Hier bin ich oft mit Herbert Keck und anderen damaligen Freunden gestanden. Worüber wir gesprochen haben? Auch damals schon über Fußball, aber mehr über Autorennen:

Mercedes und Auto-Union, Carraciola und Bernd Rosemeyer. Ich weiß nach, wie wir getrauert haben, als Bernd Rosemeyer, das Idol einer ganzen Generation, im Januar 1938 tödlich verunglückte. Damals gab es kleine Nachbildungen der Rennwagen. Es waren stabile, silbern glänzende Miniaturausgaben der großen Vorbilder mit kleinen Vollgummireifen. Auf der Schlösslestraße haben wir dann unsere “Rennen“ ausgetragen. Man drückte das kleine Fahrzeug mit dem Daumen fest auf den Boden und schnellte es dann nach vorne. Wir redeten auch viel über die Bücher von Karl May und kannten uns bestens aus in der Welt von Winnetou und Old Shatterhand, Karo ben Nemsi und Hadschi Halef Omar. Als der Krieg begonnen hatte, tauschten wir die neuesten Nachrichten aus dem Radio über unsere militärischen Erfolge aus, ohne zu ahnen, dass wir später auch noch in den Krieg ziehen mussten. Auf dem alten Foto sind sogar die Schranken des damaligen Bahnübergangs zu sehen. Sie erinnern mich an die Zeit, als ich nach Pforzheim in die Schule ging. Ich ließ es meist auf die letzte Sekunde ankommen. Das spielte sich dann so ab: ich schlang mein Frühstück hastig hinunter. Das Küchenfenster stand offen. Wenn der Zug auf der Rotenbach abläutete, war es höchste Zeit. Den letzten Bissen im Mund, die Schulmappe in der einen, den Kittel in der anderen Hand, rannte ich los. Die Großmutter rief mir noch nach: “Hoffentlich langt‘s no!‘ Der Schrankenwärter Bodamer schloss die Schranken, wenn der Zug über die Brücke beim Badhäusle donnerte. Er reagierte sehr ungnädig, wenn er die kleinen Schranken hochkurbeln musste. Er ließ mich zappeln und öffnete sie erst im letzten Augenblick, so dass ich gerade noch den Zug erwischte.

Die Aufnahme zeigt auch das damalige Oberamt, das heutige Finanzamt. Landrat Lemp hatte mehrere Söhne, der jüngste, Walter war mein Schulkamerad. Oft war ich bei ihm zu Hause, denn er besaß wunderbare Spielsachen, die er zum Teil von seinen älteren Brüdern geerbt hatte. Bei schönem Wetter waren wir draußen. Aus der ganzen Umgebung kamen Gleichaltrige und wir spielten Fußball auf der Wiese vor dem Gebäude. Ich erinnere mich auch an ein seltsames Spiel, das sich die älteren Lemp-Söhne ausgedacht hatten. Es hieß “Eck um Eck um Viereck“. Es handelte sich um eine Art “Fangerles“ mit besonderen Regeln. Wir jagten einander in wildem Tempo um das “Viereck“ des Oberamtsgebäudes. Dieses Spiel war von lautem Geschrei begleitet. Auch wenn wir Fußball spielten, ging es sehr laut zu. Die Beamten müssen gute Nerven gehabt haben, denn ich kann mich nur an ein einziges Mal erinnern, dass einer der Herren uns bat, nicht so viel Krach zu machen. Aber eines Tages wurden uns die Spiele verboten, vom Herrn Landrat persönlich. Als ich den Walter fragte: “warum eigentlich?“ antwortete er nur: „wege de Beamte“.

Wie weit liegt das alles zurück! Wie viel ist seither geschehen! Wie hat sich die Welt verändert! Jetzt, da ich dies schreibe, ist es Ende November im Jahr 2002. Es regnet, wie so oft in diesem Monat. Es ist auch viel zu warm. Heute will es gar nicht richtig Tag werden. Um diese Jahreszeit habe ich einst sehnsüchtig auf den ersten Schnee gewartet, der in der Regel dann auch bald kam.

Damals begann im November eine ruhige Zeit. Die Feld- und Gartenarbeit war getan. Es wurde auch kein Haus mehr gebaut. Wenn abends der Zug aus Pforzheim gekommen war, sah man die Arbeiter nach Hause gehen. Dann kehrte in unserer Wohngegend Ruhe ein. Heute scheint das Leben nach Einbruch der Dunkelheit erst richtig zu beginnen. Autos schieben sich durch die hell erleuchteten Strassen. Viele Menschen, alte und junge, sind unterwegs. Es wird ja auch so viel geboten. Einst gab es noch keine Diskotheken. Wir brauchten auch keine Fitnessstudios oder Wellnessangebote. Was wir brauchten und was uns Freude machte und außerdem noch gesund war, lag vor der Haustür: die einmalig schönen Möglichkeiten zum Schi- und Schlittenfahren. Niemand musste zum Wintersport wegfahren. Wenn wir Kinder dann, bei Beginn der Dämmerung (spätestens!) mit roten Backen und klammen Fingern nach Hause gingen, den Schlitten hinter uns herziehend, schimmerten durch die Fenster der Wohnungen freundliche Lichter. Zu Hause, in der warmen Küche oder Wohnstube, umfing mich wohlige Wärme. Es gab ein einfaches, wohlschmeckendes Vesper. Niemand hatte es eilig. Es lief auch kein Fernseher nebenher. Meist saßen wir lesend noch eine Zeit lang zusammen, bevor wir frühzeitig zu Bett gingen.

Wenn man heute irgendwo Kinder Schi- oder Schlittenfahren sieht, bietet sich ein buntes Bild: auf dem Schnee leuchten rote, blaue und gelbe Anoraks. Wir waren seiner Zeit dunkel gekleidet und alle irgendwie ähnlich angezogen. Eine besondere Ausrüstung gab es nicht. Ich besaß für den Winter ein einziges Paar Schuhe. Mit denen stand ich auch auf den Schiern. Mein Großvater hatte kleine Lederstückchen an die Absätze genagelt, damit ich nicht dauernd aus der Kabelzugbindung rutschte. Die Bindungen lösten auch nicht von selber aus. Bei einem Sturz schlugen einem nicht selten die Bretter auf den Kopf oder man verdrehte sich die Knie. Die Schlittschuhe wurden mit ihren gezackten Backen mit Hilfe des “Triebeles“ an die gleichen Schuhe angeschraubt.

Der vorweihnachtliche Rummel unserer Tage, der mit den bunten Prospekten, die uns ins Haus flattern, schon Ende Oktober beginnt, war damals gänzlich unbekannt. Aber ich glaube, dass wir dem Sinn von Weihnachten näher waren als heute, wo sich alles nur noch ums “Weihnachtsgeschäft“ dreht, das heißt doch ums Kaufen und Geld ausgeben. Je einfacher ein Mensch lebt, umso leichter findet er den Zugang zu den göttlichen Dingen.

Das christliche Weihnachten hat sich auch in den Jahren des III. Reiches behauptet, als es durch das germanische Julfest ersetzt werden sollte. Wir lernten damals im Jungvolk das Lied “Hohe Nacht der klaren Sterne“, aber es konnte die vertrauten alten Weisen “Stille Nacht“ und “0 du fröhliche“ nicht verdrängen. Wir haben auch immer noch die Gottesdienste und die Weihnachtsfeier der Kinderkirche besucht. Und wie ist es heute? Vieles hat sich verändert. Es ist schwieriger geworden, in unserer hektischen Welt Zeit und Stille zu finden für die frohe Botschaft von Weihnachten. Aber es ist immer noch möglich. Man muss nur wollen. Ich möchte Sie ermuntern, in der Advents- und Weihnachtszeit die Gottesdienste zu besuchen. Lesen Sie auch wieder einmal in Ihrer Bibel das Weihnachtsevangelium Lukas 2, 1-14. Singen Sie oder hören Sie die schönen Advents- und Weihnachtslieder und verlassen Sie sich auf das, was Ihnen Gott in Jesus Christus anbietet: Lebenshilfe in vielfältiger Form. Wir wollen auch versuchen, mehr Zeit füreinander zu haben. Bedenken Sie: ein gutes Wort, das von Herzen kommt, kann einen niedergeschlagenen Menschen wieder auf die Beine stellen. Vielleicht lebt jemand in Ihrer allernächsten Nähe, der Ihr Verständnis und Ihren Zuspruch braucht. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen ein gesegnetes Weihnachtsfest.

Karl Baumann, Pfarrer i.R., Belchenstraße 3, Jettingen

Zum Seitenbeginn

horizontal rule